Von Rolf Zundel

Bonn‚ im Oktober

Die Christlich-Demokratische Union wagt nächste Woche auf ihrem Parteitag mehr Demokratie, als dies bei den anderen Parteien üblich ist. Die Wahl eines neuen Parteivorsitzenden in Saarbrücken ist nicht nur der mehr oder weniger begeisterte Nachvollzug einer schon vorher in Führungszirkeln ausgehandelten Entscheidung. Zwei ernsthafte Konkurrenten bewerben sich öffentlich um das höchste Parteiamt: CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel und der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, Persönlichkeiten verschiedener Prägung und unterschiedlicher Auffassungen. Die demokratische Tugend ist freilich auch aus der Not geboren: Die Union verfügt über keinen unumstrittenen ersten Mann. Die Alternative, vor die sie sich in Saarbrücken gestellt sieht, stimmt ihre Delegierten keineswegs fröhlich.

Rainer Barzel führt die Union im Bundestag, er tritt im Parlament als Gegenspieler des Bundeskanzlers auf. Wenn die Gesetze der politischen Logik gelten, müßte ihm die Kanzlerkandidatur zufallen. Selbstkontrolle, intellektuelle Präsenz, analytische Begabung und taktisches Gespür helfen ihm, die Rolle des Oppositionsführers brillant zu spielen. Seine politische Rüstung hat sich in vielen parlamentarischen Gefechten als nahezu undurchdringlich erwiesen. Was für ein Mensch aber in dieser Rüstung steckt – darüber gibt es nur Vermutungen, und manche sind recht unfreundlich. Da er sein Visier nie hochklappt, hält sich der Verdacht, die Rüstung sei eindrucksvoller als der Mensch, der dahinter verborgen ist. Kohl dagegen, weniger elegant und weniger undurchdringlich, zeigt Herz und Persönlichkeit – er liefert den guten Menschen aus deutschen Landen frisch auf den Tisch.

Die Vorbehalte gegen Barzel, die Zweifel, ob er durch Leistung sein negatives Image vergessen machen könnte, waren es wohl auch, die der Kandidatur von Kohl Auftrieb verliehen haben. Indem Kohl sein Konzept der Ämtertrennung vorlegte und sich zum Fürsprecher einer aktiveren und eigenständigeren Partei machte, lieferte er zugleich all jenen, die an Barzel zweifelten, ein "Sachargument", das gerne gehört wurde. Umgekehrt mußte Barzel, eben weil es die Bedenken gegen ihn gab, daran gelegen sein, die Kanzlerkandidatur durch den Parteivorsitz institutionell abzusichern. Er kalkuliert völlig richtig, daß einem Fraktionsvorsitzenden Barzel, der auch noch den Parteivorsitz erhalten hat, die Kanzlerkandidatur nicht mehr streitig gemacht werden kann. Nicht zuletzt dieser Überzeugung entspringt sein Konzept, wonach die Führungsämter in einer Hand vereinigt werden müssen.

Viele Delegierte des CDU-Parteitags halten Kohl für den besseren Parteivorsitzenden. Trotzdem werden manche dieser Delegierten Barzel ihre Stimme geben, denn sie sind sich darüber im klaren, daß in Saarbrücken eben auch über die Kanzlerkandidatur entschieden wird. Barzel hat sie mit brutaler Deutlichkeit darauf hingewiesen. Seine Ankündigung, wenn es keinen Parteivorsitzenden Barzel gäbe, sei auch auf den Kanzlerkandidaten Barzel nicht mehr zu zählen, scheint ernst gemeint.

Fiele Barzel in Saarbrücken durch, so geriete die Führung der Union in ein unübersehbares Durcheinander. Allerdings bürgt auch die Wahl Barzels nicht dafür, daß sich alles zum besten regelt. Die Vereinigung sämtlicher Spitzenämter hat zumindest den einen Nachteil: Die Stimme der CDU wird nicht mehr so deutlich vernehmbar sein. Barzel als CDU/CSU-Fraktionschef ist Integrationsfigur der gesamten Union, er muß sich mit der bayerischen Schwesterpartei und vor allem mit ihrem Vorsitzenden, Franz Josef Strauß, in allen wichtigen politischen Aktionen abstimmen. Er kann aber schwerlich öffentlich die Kompromisse mit der CSU vertreten und zugleich ebenso öffentlich jene CSU-Ansprüche, die der CDU zu weit gehen, in die Schranken weisen. Wenn Barzel Parteivorsitzender wird, hat die CDU keinen institutionellen Widerpart zu Strauß. Diese Aufgabe könnte vielleicht der Generalsekretär übernehmen. Er müßte dann freilich ein Mann von beträchtlichem politischen Gewicht sein, wirklich der zweite Mann in der Partei. Konrad Kraske, den Barzel für dieses Amt vorgesehen hat, hat sich in allen Fragen, der Organisation gewiß als tüchtiger Mann erwiesen, mit der Rolle des Widerparts aber wäre er weit überfordert.