Am 7. Oktober erscheint im Biederstein Verlag, München, Herbert Rosendorfers Beitrag zur Olympiade, nämlich das "Aechte Münchener Olympia-Buch". Der Autor hat in seinem Buch vor allem das bajuwarische Verhältnis zum Sport einer kritischen Untersuchung gewürdigt. Unser Beitrag über des Bayern Mißtrauen gegenüber der frischen Luft ist ein Vorabdruck aus Rosendorfers Buch.

Die frische Luft gilt dem Bayern seit eh und je als vorwiegend schädlich. Er meidet sie, er hält sie nach Möglichkeit von seiner Behausung fern, was man unschwer an den anheimelnd kleinwinzigen Fenstern der Bauernhäuser ablesen kann. Es ist ja auch wahr: was passiert nicht alles in der frischen Luft. Jesus Christus wurde in der frischen Luft gekreuzigt, der hochverehrte und geliebte König Ludwig II. wurde, wie kein Zweifel ist, auf Bismarcks Befehl von Geheimrat Gudden in den Starnberger See gestoßen – also auch dieses Unglück ereignete sich in frischer Luft, so gut wie alle Autounfälle sich in frischer Luft ereignen, und häufig ist der Schnupfen auf zu ausschweifenden Genuß frischer Luft zurückzuführen. Demgegenüber finden fast alle Annehmlichkeiten des Lebens, also Essen, Trinken, Kartenspielen, Schlafen, Reden, Geschlechtsverkehr außerhalb frischer Luft statt. Der Fremdenverkehr hat die Abneigung des Bayern gegen die frische Luft noch verstärkt, denn der Kult, den die Preußen mit frischer (frisch bedeutet im alpenländischen Sprachgebrauch stets auch "kalt") Luft treiben, mußte den Bayern abstoßen. Das begreift man, wenn man ein einziges Mal eine preußische Familie barfüßig, womöglich mit der sogenannten "norddeutschen Hammerzehe" behaftet (einer zehen-physiologischen Eigenart nördlicher Völkerschaften), durch den Frühtau hat hüpfen sehen. Die zylindrischen Beine der Preußin stampfen den fruchtbaren und unschuldigen bayrischen Boden, ihr Geschrei erfüllt die Luft, die Tiere ziehen sich erschreckt in den Wald zurück, selbst die Kuh schaut weg. Die Unersättlichkeit dieser "Frischluftgenießer" geht zum Teil so weit, daß sie, wie das Vieh, sogar im Freien essen. Freilich ereilt sie dann oft genug die gerechte Strafe in Form von Ameisen, die ihnen ihre Marmeladenstullen auffressen.

Man sieht, die Abneigung des Bayern gegen die frische Luft hat starke soziologische Aspekte. In der frischen Luft halten sich hauptsächlich niedere Lebewesen auf: das Vieh, die Sommerfrischler und Landstreicher.

Manchmal läßt es sich aber auch für den Bayern nicht umgehen, sich der frischen Luft auszusetzen: bei der Arbeit auf dem Feld, im Wald, bei den anstrengenden Sportarten, bei Prozessionen oder ähnlichen Gelegenheiten. Ergibt sich eine solche Gelegenheit, trifft der Bayer Vorkehrungen gegen die schädliche Wirkung der frischen Luft. Bei Prozessionen wird Weihrauch in dichten Schwaden erzeugt, auf dem Feld oder bei der Jagd raucht man eine Pfeife. Der ziemlich verbreitete "Landtabak-Krüllschnitt" bietet Gewähr dafür, daß zwei- bis dreihundert Meter im Umkreis des Rauchers nicht mehr von frischer Luft gesprochen werden kann. Raucht er nicht, so verstopft sich der Bayer die Nase mit Schnupftabak ("Lotzbeck No. 2"), der nach dem Prinzip der Gasmaske die Frischluft vom Organismus fernhält. Beim Sport spielt sowohl der Rauch als auch jene kleine Taschenflasche eine große Rolle, aus der der Sportler so oft wie möglich einen Schluck nimmt, um auch in freier Natur das Gefühl zu haben, im Wirtshaus zu sein.