DDR-Wirtschaft. Eine Bestandsaufnahme. Herausgegeben vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Fischer Taschenbuchverlag.

Elf Mitarbeiter des bekannten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin "schrieben und stritten, strichen und änderten" unter der Leitung von Dr. Peter Mitzscherling, um eine Bestandsaufnahme der DDR-Wirtschaft zu machen. Diese Bestandsaufnahme ist jener Gruppe Wissenschaftler zu verdanken, die bereits die Materialien zum Bericht zur Lage der Nation 1971 miterarbeitet haben. Die Materialien sind, wie der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Dr. Klaus Dieter Arndt, in einem Vorwort mit Recht hervorhebt, inzwischen zu einer nationalen und internationalen Quelle für die Lage im geteilten Deutschland geworden.

Das Fischer-Taschenbuch zeichnet sich von vielen anderen Veröffentlichungen über die Lage der DDR-Wirtschaft, die meist zwischen den Extremen "Zusammenbruch" und "Wahres deutsches Wirtschaftswunder" schwanken, durch seine unbestechliche Objektivität und die Gründlichkeit der Analyse über die Geschichte und den Stand der DDR-Wirtschaft, ihre Erfolge und Mißerfolge aus. Angehängt sind auf mehr als 100 Seiten Tabellen, mit denen der Benutzer ein statistisches Material in die Hand bekommt, wie er es sonst nicht oder nur sehr verstreut findet. Diese tabellarische Übersicht wird noch ergänzt durch im Text verstreute, zum Teil ausgezeichnete Schaubilder.

Neben einer Darstellung der Grundlagen der DDR-Wirtschaft (Gebiet, Bevölkerung, Beschäftigung, Anlagevermögen, Infrastruktur) werden Entstehung und Verwendung des Sozialproduktes in allen seinen Teilbereichen und der Beitrag der Außenwirtschaft geschildert. Darüber hinaus; werden, was besonders anzuerkennen ist, die wirtschaftliche Organisation, das Neue ökonomische System sowie Ziel und Praxis der "Planung und Leitung der Volkswirtschaft" eingehend geschildert, so daß der Leser neben den Fakten auch die manchmal eigenartigen Wortschöpfungen der Wirtschaftspolitik drüben erfährt und begreift. Das Sozialleistungssystem in der DDR wird in einer anhängenden Übersicht geschildert.

Die erstaunlichen und unerwarteten Schwierigkeiten, die die Bevölkerung der DDR im Winter 1970/71 hinnehmen mußte (Stromabsperrung, Mangel an Brennstoffen und einzelnen industriellen Konsumgütern), werden in etwa verständlich, wenn die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums und seine besonderen Hindernisse bekannt sind: Begrenzte Zahl der Arbeitskräfte; unzureichende Infrastruktur, besonders auf dem Verkehrsgebiet; zwei aufeinanderfolgende schlechte Ernten in der Landwirtschaft; unzureichende Lagerhaltung; besondere Schwierigkeiten bei den nicht genügend "eingeplanten" Zulieferindustrien und Beschränkung der Elastizität der Wirtschaft durch die zum Teil noch immer sehr bürokratischen Planungsmethoden.

Im Abschnitt "Privater Verbrauch und Ersparnis" wird jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die DDR einen Lebensstandard erreicht hat, der deutlich über dem aller osteuropäischen Länder liegt.

Wo immer möglich, werden in vorsichtiger und abgewogener Weise Vergleiche mit der Wirtschaft in der Bundesrepublik gezogen, die dem westlichen Leser das Bild erheblich plastischer erscheinen lassen.