Von Christian Schmidt-Häuer

Belgrad, im Oktober

Zum ersten Male seit vielen Jahren verschickte der jugoslawische Staatspräsident Tito Einladungen in kyrillischer Schrift: zum Galaempfang für Leonid Breschnjew. Russische Handschrift prägte auch den Abschluß des viertägigen Arbeitsbesuches: Die vieldeutige gemeinsame Erklärung Titos und Breschnjews ist ganz in der Sprache des sowjetischen Parteichefs abgefaßt. Hat Tito seinem Lande größere Sicherheit vor der Sowjetunion für den höheren Preis einer engeren ideologischen Bindung an das Moskauer Lager erkauft?

Belgrader Gesprächspartner beschwichtigen: Man dürfe das Papier nicht mit einer Elle messen, die von der minuziösen Umsetzung des Dokumentes in die praktische Wirklichkeit ausgehe. Können aber die Jugoslawen, die aufrechten Kritiker der Invasion in die ČSSR, bedenkliche Formulierungen nur als Floskeln abtun?

"Die Kooperation zwischen Jugoslawien und der UdSSR", so heißt es zu Beginn der Erklärung, "gründet auf der Ergebenheit gegenüber den Prinzipien des sozialistischen Internationalismus". Mit gutem Recht verstehen die Jugoslawen auch weiterhin etwas ganz anderes unter "sozialistischem Internationalismus" als die Sowjetunion, die mit dem "proletarischen Internationalismus" die Invasion in Prag rechtfertigte. Breschnjew aber wollte in Belgrad gemeinsame Formulierungen in die Hand bekommen, auf die Moskau – im Ernstfall und auch nach Titos Abgang – pochen und die es nach eigenem Gutdünken interpretieren kann.

Ein verblüffendes Zugeständnis an Moskau ist auch die vorgesehene Verstärkung der "Wechselseitigen Bindungen im Bereich von Presse, Funk, Fernsehen, Kultur und Kunst". Die Massenmedien sollen künftig "objektiv und wohlmeinend" die Bemühungen beider Länder um den kommunistischen Aufbau erläutern. Werden sowjetische Delegationen nun noch häufiger kritische Zeitungsberichte als corpus delicti auf den Verhandlungstisch legen, um die ohnehin nicht sehr umfangreiche Berichterstattung jugoslawischer Zeitungen über die Sowjetunion indirekt zu zensieren? Reicht es aus, daß Moskau für die Zusicherung des "Wohlverhaltens" der jugoslawischen Presse offensichtlich auch einen Preis gezahlt hat? Jedenfalls wird die Tito-feindliche Propaganda jugoslawischer Emigranten in der Sowjetunion vorerst verstummen.

Bei den vereinbarten Konsultationen der Parteien sollen auch "außenpolitische Angelegenheiten" einbezogen werden – ein Passus, auf den die Sowjets wohl Chinas wegen gedrängt haben. Zwar konnten sie keinen direkt oder indirekt antichinesischen Passus in der Deklaration unterbringen, doch unterstützt Belgrad den sowjetischen Wunsch nach einer Konferenz der fünf Atommächte – einen Vorschlag, den Peking ablehnt.