Ein kleines Werk über Hölderlin, der "Versuch einer Biographie von innen" (essai de biographie Interieur), ist einem größeren Leserkreis in Deutschland erst fünfunddreißig Jahre nach seinem Erscheinen bekanntgeworden. Das heißt, nicht eigentlich das Werk, sondern der Name des Autors; aber eben gerade der Name des Autors auch wieder nicht.

Irgend jemand im "Spiegel" hatte diesen Namen als "Bertraux" mißverstanden. Und seitdem es am 13. September so im "Spiegel" erschienen war, tut man in allen deutschen Gazetten vertraulich mit der Quelle für das Hölderlin-Stück von Peter Weiss, mit dem "bekannten französischen Germanisten Bertraux" – ohne ihn zu kennen und offenbar ohne sein erstes Buch oder die vor zwei Jahren bei Suhrkamp erschienene Neudarstellung auch nur einmal in der Hand gehabt zu haben. Einer schreibt’s vom andern ab.

Als das Hölderlin-Buch 1936 erschien, war Pierre Bertaux 29 Jahre alt und gerade übergewechselt vom Französischen Rundfunk ins Auswärtige Amt. Später wurde er dann noch Generaldirektor der Sicherheitspolizei, Resistance-Kämpfer und Repräsentant der französischen Kolonialmacht im Sudan. Zwischendurch war er immer einmal wieder Professor – ein gewiß ungewöhnlicher Germanist, an kühnen Entwürfen viel mehr interessiert als an pingeliger Textkritik und Interpretation (was nicht unwichtig ist für sein Hölderlin-Bild und das tollkühne Unterfangen, Hölderlins späte Gedichte als chiffrierte Dokumente des Widerstands zu deuten).

Pierre Bertaux hätte eine eigene Biographie, von innen wie von außen, verdient oder doch jedenfalls Besseres, als nun in der "Spiegel"-Nachfolge unter dem Namen Bertraux mit diesem ihm eingezwungenen R durch die deutsche Presse zu geistern.

Peter Weiss hat es immerhin fertiggebracht, daß auf einmal die Politiker in den Redaktionen sich für Hölderlin interessieren. In der letzten "Welt am Sonntag" tritt Hans-Georg von Studnitz mächtig als Theaterkritiker hervor und schreibt, wie könnte es anders sein: "Bei dem Bemühen, den ephebischen Griechenschwärmer in einen APO-Rebellen umzufunktionieren, ist der französische Germanist Pierre Bertraux dem Verfasser der Nowaweser Hölderlin-Elegie um einige Jahre zuvorgekommen." Leo