Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Beim Städtischen Hochbauamt in Friedrichshafen am Bodensee ging ein Brief ein, in dem vom geplanten Neubau der Realschule in der Ailinger Straße die Rede war. Die Rohbauarbeiten dieses Neubaus – einschließlich Turnhalle – waren kurz zuvor in der "Stuttgarter Zeitung" und in der "Schwäbischen Zeitung" öffentlich ausgeschrieben worden. Um so erstaunter war der zuständige Beamte, als er dem Briefumschlag nicht etwa ein Angebot zur Übernahme der Bauarbeiten, sondern ein Schreiben entnahm, das in der Fachsprache als Positionsliste bezeichnet wird. Die Liste enthielt sämtliche Punkte des in der Ausschreibung enthaltenen Leistungsverzeichnisses. Das heißt: jede der verlangten Bauleistungen war einzeln genau aufgeführt und mit einem Preis versehen.

Die Summe aller dieser Preise – also die kalkulatorischen Kosten des Gesamtobjekts – war dick unterstrichen. Es waren genau 3 262 988,64 Mark. Darunter stand zu lesen: "Ihre Überbietung 5 Prozent. Dies gilt auch für jeden einzelnen Titel. Rangfolge unbedingt einhalten. Alle Alternativpositionen unbedingt ebenfalls überbieten. Titelsummen sind einschließlich Mehrwertsteuer (brutto) angegeben."

Die Zahl "5 Prozent" war mit rotem Filzstift aus dem übrigen Text hervorgehoben. Am Schluß des Briefs stand zu lesen: "Sie geben keine Fertigteilvariante, Titel 12, ab; diesen Titel bitte durchstreichen."

Der Beamte hatte etwas vor sich, das eigentlich gar nicht für seine Augen bestimmt war: nämlich die deutliche Aufforderung an ein konkurrierendes Bauunternehmen, ein Angebot abzugeben, das den in der Positionsliste errechneten "Nullpreis" überbot.

Schon lange hatte der Beamte einige Firmen im Verdacht, Preise für öffentliche Bauobjekte untereinander abzusprechen. Aber bisher war es ihm niemals geglückt, dafür den Beweis anzutreten. Hier, endlich, kam ihm der Zufall zu Hilfe. Mit einem Blick auf den Briefumschlag stellte der Beamte fest, was er wissen wollte: das Schreiben war natürlich gar nicht an ihn gerichtet, sondern an die Firma Schmidt. (Die Namen der in diesem Artikel genannten Firmen wurden von der Redaktion geändert.) Aber die Adresse war falsch. Und da überdies kein Absender angegeben war, galt der Brief zunächst als unzustellbar.

Unzustellbare Sendungen werden nach einigen Tagen von der Post amtlich geöffnet. Damit vielleicht aus dem Inhalt Adressat oder Absender ersehen werden könnte. In diesem Fall war die Rede vom Neubau der Realschule, und der clevere Postmann schickte das Schreiben ins Städtische Hochbauamt. So kam der Stein eines ausgedehnten Skandals ins Rollen.