Von Rolf Diekhof

Als Kurt Lotz seine kurze Karriere bei VW begann, flirtete er mit der eigenen Unzulänglichkeit: "Sie sind die Auto-Experten", erklärte Lotz den versammelten Journalisten, "und ich bin der Neuling, der noch viel zu lernen hat." Lotz’ Nachfolger auf dem Käfer-Thron, Rudolf Karl Wilhelm Leiding (57), hat bereits ausgelernt: Nach der Volksschule absolvierte er eine Lehre als Automechaniker; nach dem Krieg begann er in Wolfsburg und diente sich in 26 VW-Jahren Stufe um Stufe nach oben.

Der Auto-Laie Lotz hatte für den plötzlichen Aufstieg des Experten Leiding getan, was in seiner Kraft stand: Im Frühjahr wurde Leiding von Lotz aus Brasilien zurückbeordert und als Krisenmanager in Ingolstadt bei der VW-Tochter Audi NSU eingesetzt. Wenig später wollte Lotz den treuen VW-Kämpen zur Erledigung der eigenen Krise als seinen Stellvertreter nach Wolfsburg holen. Leiding lehnte ab.

Der VW-Mann aus Brasilien war in deutschen VW-Gremien sehr schnell bekannt geworden – so bekannt, daß er sich bereits eine Chance auf den ersten Platz in Wolfsburg ausrechnen konnte. Der vielgelobte Leiding war für den VW-Aufsichtsrat zur Schlüsselfigur geworden: Es gab plötzlich eine brauchbare Alternative zu Lotz. Nach dem Rücktritt von Lotz gab es kaum noch Zweifel daran, daß Leiding zum Chef des größten deutschen Unternehmens aufsteigen würde.

Eine der kritischen Fragen, die zwischen Lotz und dem VW-Aufsichtsrat zu einem erbitterten Kleinkrieg geführt hatte, war die Bestellung eines neuen Personalvorstandes bei VW. Der Streitpunkt wurde zwischen Leiding und dem Aufsichtsrat in der Nacht vor Leidings Wahl diskutiert. Leiding: "Von abends um sieben bis morgends um fünf haben wir an dieser Frage geknabbert."

Die Entscheidung fiel dann erst am nächsten Vormittag. Und sie fiel zugunsten des Vorstandes aus: "Alle leitenden Angestellten", so heißt der entscheidende Satz in der VW-Nachricht, "unterstehen wie bisher fachlich und sachlich dem jeweils ressortmäßig zuständigen Vorstandsmitglied." Damit wird dem neuen, von Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Betriebsräten unterstützten Personalvorstand das geforderte Privileg genommen, auch über die Personalangelegenheiten der "oberen Zehntausend" bei VW zu befinden.

Andererseits hat Leiding dem Aufsichtsrat offensichtlich ein festes Versprechen gegeben: "Der Aufsichtsrat muß bestens informiert werden, gerade jetzt in einer kritischen Zeit." Eine bessere Informationspolitik gegenüber dem Aufsichtsrat wurde schon zur Zeit von Lotz gefordert – die Forderung wurde aber nie zur Zufriedenheit der Räte erfüllt.