Irgendwann ist entdeckt worden, daß Sportler ein Geschlecht haben. Seither nimmt die Sexualisierung des Sports zu. Vorbei sind Turnvater Jahns Zeiten, da eine keusche Sportlerhose zwei Fingerbreit unterm Knie endet. Es genügt ein Blick auf die heißen Höschen unserer Handballspieler, um zu sehen, wie weit wir gekommen und wie hoch die Säume geklettert sind. Als noch weitgehend unbekannt war, daß auch Sportler ein Geschlecht haben, hatten beispielsweise Fußballspieler an fünf Tagen der Woche zu vergessen, daß sie verheiratet, verlobt oder verliebt waren. Sie lebten gleichsam hinter Klostermauern, trugen geduldig das ihnen auferlegte Zölibat und frustrierten unmerklich vor sich hin.

Der Konsument, gewöhnt in einem Goalgetter oder einem Libero nichts weiter zu sehen als eben einen Fußballroboter, der mehr oder minder automatisch seine Pflicht tut, mag vielleicht noch nichts bemerken. Wer aber Augen hat zu sehen, wird die Anzeichen wahrnehmen, die beredte Kunde von der Sexualisierung des Sports geben. Wird doch plötzlich hinter manch vermeintlichem Roboter die Persönlichkeit sichtbar oder gar das Männchen. Der wehende Haarschopf eines Günther Netzer, die dunkle Pracht eines Gerd Mùller, das sprießende Mannessymbol auf Franz Beckenbauers Oberlippe signalisieren weithin sichtbar, daß niemand glauben möge, ein Fußballspie.er stehe seinen Mann nur auf dem grünen Rasen.

Wem solche Anzeichen zu gering erscheinen, um darin schon den Beginn der Sexualisierung zu sehen, möge sich vergegenwärtigen: Hier stehen 22 junge Männer im Kampfesgetümmel, denen gewisse Verhaltensformen zwingend vorgegeben sind, wozu bislang stillschweigend auch kurzer Haarschnitt gezählt wurde. Haartracht und Haarwuchs aber sind seit grauer Vorzeit ein erotisches Signal. Mithin ist in der auswuchernden Kopfbehaarung unserer Fußballheroen ohne jeden Zweifel auch das Symptom für den Ausbruch aus Zucht und Enthaltsamkeit zu sehen.

Verschiedene Sportarten, vor allem jene, in denen die Sache Mann gegen Mann entschieden wird, sind erst in jüngerer Zeit als Nebenformen des Liebeswerbens entdeckt worden. Begnügte sich einst Max Schmeling noch mit einem billigen Frotteemantel, wenn er in den Ring stieg, so bevorzugt heutzutage der Weltmeister Joe Frazier ein Gewand aus Samt und Seide, das in vielen Farben schillert. Das kostbare Stück hat viertausend Mark gekostet; für dieses Geld konnten vormals an die hundert Boxer ausreichend bekleidet werden. Aber das war eben noch vor der Zeit des sexualisierten Sports. Joe Frazier handelte jedenfalls instinktiv richtig, als er sich zur spektakulärsten Männerbalz, die jemals öffentlich zu besichtigen war, dem Ereignis entsprechend gewandete.

Galt es früher Sportereignisse zu schildern, so machten die Chronisten in der Regel an der Stelle halt, wo es beispielsweise nötig gewesen wäre, eine Siegerin oder ihre augenfälligen Reize zu beschreiben. Seit aber eine Wilma Rudolph bei den Olympischen Spielen in Rom mehr Bein zeigte, als man je außerhalb einer Pariser Revue zu Gesicht bekommen hatte, können es auch Sportreporter nicht mehr ignorieren, was man in den Stadien außer Sport noch an Schönem zu sehen bekommt. Die äußerlichen Vorzüge der Heide Rosendahl sind deshalb der Nation ebenso nachdrücklich vor Augen geführt worden wie der Modellkörper des Hammerwerfers Uwe Beyer. In derselben Weise wie die Tabus im Sport abgebaut werden, nimmt die Sexualisierung im Sport zu, und selbst das vormals so züchtige Turnerleibchen braucht heute des kessen Zuschnitts nicht zu entraten, beim Turnbruder nicht und schon gar nicht bei der Turnschwester.

Seit nun auch Fußball nicht ausschließlich Männersache ist und die Damen auch auf diesem Gebiet ihre Meisterinnen ermitteln, ist eines der letzten Tabus gefallen. Man kann die Fräuleins kicken, köpfen, stoppen, schießen sehen, und wer befürchtet hatte, hier ginge dem zarten Geschlecht das typisch Weibliche verloren, wird feststellen können, daß die Sexualisierung des Sports kleine, aber wichtige Unterschiede nicht etwa vergessen macht: bei Freistößen, wenn sie eine Mauer bilden, verschränken die Fußballdamen ihre Arme über dem Busen. Horst Vetten