Die vorgesehene Diskussion fand nicht statt. Diskussionsstoff war auch nicht geboten worden. Denn die Experten, die sich anläßlich der Vierten Internationalen Bleikonferenz "blei 71" letzte Woche in Hamburg mit dem Problem "Blei im Benzin" befaßten, fanden kein Haar in der Suppe. Für fast zwei Stunden beweihräucherten fünf Fachleute der Blei- und Erdölindustrie sich selbst und die etwa 500 Delegierten mit jenem Wust von Argumenten, den es anzuführen gibt, möchte man die Unschädlichkeit des Benzinbleis für die menschliche Gesundheit beweisen. Die Masse wissenschaftlicher Untersuchungen, die genau auf das Gegenteil hinweisen, wurde bei "blei 71" wohlweislich verschwiegen. Kein Wissenschaftler war eingeladen worden, der als einigermaßen unabhängig gelten könnte.

Denn: Man wollte sich wahrscheinlich einen guten Abgang verschaffen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Bleiindustrie den Kampf ums Benzin aufgegeben hat. Die Statistiken für den geschätzten Bleiverbrauch im Jahre 1980, die man auf der Hamburger Konferenz sehen konnte, zeigen das Antiklopfmittel Tetraäthylblei – im Gegensatz zum gegenwärtigen dritten Platz unter den Bleiverbrauchsmöglichkeiten – nur mehr unter ferner liefen; dafür rechnen die Industrieleute mit einem gewichtigen Anstieg des Bleikonsums in der Batterie- und Chemieindustrie.

Daß die Verharmlosungsversuche der Blei-, Benzin- und Autobranche in bezug auf gesundheitliche Gefahren des Auspuffbleis einen wohlorganisierten Rückzug aus dem Zeitalter verbleiten Benzins tarnen sollen, darauf weist auch eine unlängst vom Konsumentenpapst Ralph Nader ergatterte Geheimstudie der amerikanischen Mobil Oil hin. Die Firmenwissenschaftler kommen darin zu dem Schluß, daß das "Blei aus dem Benzin entfernt werden sollte, weil es zu Ablagerungen im Motor führt, bestimmte Abgase verursacht, den Kohlenwasserstoffausstoß erhöht, ein gefährliches Metallgift ist und die Wirksamkeit katalytischer Filter zerstört" Diese Argumente – so die Autoren – rufen nach sofortigen Anstrengungen, den Bleigehalt von Benzin zu vermindern. Wohlgemerkt, diese Studie wurde im Auftrag einer Mineralölgesellschaft ausgeführt.

Friedrich Abel