Von Marie-Luise Scherer

Jeweils nach Ermessen, so dachte sich Berlins Wissenschaftssenator Professor Werner Stein, solle man sogenannten selbstschöpferischen Händlern das Handeln auf dem Kurfürstendamm erlauben. Die Leiterin des Berliner Verkehrsamtes, Ilse Wolff, wollte dagegen diese Selbstschöpfungs-Klausel noch um eine qualitative Auslese eingeengt sehen. Nur die Guten, nur kunstgewerbliche Könner dürften demnach Ware fabrizieren und ausbreiten. Dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Lummer gefiel die Idee, zeitweise den betroffenen Kurfürstendammabschnitt für den Verkehr ganz zu sperren und so Berlin ein touristenwirksames Unikum zu sichern. Schließlich richtete der Verleger Lothar Blanvalet ein "Dringendes Telegramm" an den Regierenden Bürgermeister, in dem er befürchtete, daß "durch die unverständliche, um nicht zu sagen geradezu schildbürgerliche Anordnung, des Bezirksamtes Charlottenburg, die Kudammhändler zu vertreiben", Berlin vor der Gefahr stünde, "eine weltstädtische Nuance der City zu verlieren ... Wollen wir das riskieren?... Ich rechne mit Ihrem salomonischen Spruch und danke Ihnen schön jetzt..."

Der salomonische Spruch erging noch nicht. Es wird bislang weiter gehandelt und gefertigt. Hier und da selbstschöpferisch im Sinne des Wissenschaftssenators, stellenweise auch in einer Qualität, wie sie der Verkehrsamtsleiterin für ihren teuren Boulevard und als dankbarstes Plakatmotiv angemessen erscheinen mag.

Tatsachen sind: daß mit den Wochen und Monaten die Handelsgüter immer mehr variierten (man sah fabrikneue Heimorgeln in Radiogehäusen und industriell gefertigte Nachttischlampen), daß sich von dem kontrollierenden Bezirksamt Charlottenburg die Grenzen zwischen Selbstschöpfung an und für sich und selbstschöpferischen Qualitätsarbeiten juristisch nicht festlegen ließen. Wirtschafts- und Finanzstadtrat Eberhard Banholzer: "Auch einer, der nur einmal am Tag an seinem Draht biegt, hat als selbstschöpferisch zu gelten."

Am 11. August war auf einer Sitzung, beim Berliner Wirtschaftssenator entschieden worden, die "fliegenden Kudammhändler" zu, vertreiben. Der zuständige. Baustadtrat dieses Charlottenburger Kurfürstendammabschnitts, Hans-Jürgen Bultmann (CDU) mußte sich die Worte "Landgraf werde hart!" einflüstern lassen. Denn viele der städtischen Schutzgeister sahen "in diesem Treiben auf unserer Prachtstraße" eine Schande für Berlin. Während andere an Stelle der Schande "die für Berlin drohende Provinz" setzten, wollte man "diese reizende Ambiente" behindern. Nun ist "reizende Ambiente" ebenso schlecht zu schlucken wie die Schande; und "dieses bunte Völklein, das nun fast schon so zum Kurfürstendamm gehört wie das Kranzler-Eck", ist sicher ein überbewertetes Wunschkind, welches der Blickwinkel eines älteren Flaneurs hervorgebracht hat.

Von der Joachimstaler bis hinauf zur Knesebeckstraße hatte der Kurfürstendamm bisher auf seinen beiden Bürgersteigen eine gleichmäßige Anziehungskraft. Jetzt nicht mehr. Jetzt, das heißt, schon den ganzen zurückliegenden Sommer über – und vereinzelt schon mit dem beginnenden April – haben sich die Magnete rechtsseitig konzentriert. Rechts lagern die Händler, an warmen Tagen bis zur Uhlandstraße. Und wo die Händler sitzen, die auch "Drecksäcke" genannt werden, "Nichtstuer", "Mistgesindel", "Herumlungerer", "Subjekte", "Existenzen", aber auch "großstädtischer Akzent" oder "Farbtupfer der Weltstadt Berlin", und die 35 000 Solidaritätsunterschritten für sich sammeln konnten, geraten die Blicke der Vorübergehenden unwillkürlich in den Sog der Niederlassungen.

Schriftsetzer Larry, zurück aus Bangkok, wo er anderthalb Monate vor Freilichtkinos das Pflaster bemalte, hat hier jetzt die "Delphinische Sybille", die Vaterfigur aus Michelangelos "Schöpfung" und Picassos "Mutter und Kind" mit Kreide ins Pflaster gerieben. Da seine Fingerspitzen wund sind durch das schattierende Reiben, muß er eine Heilpause einlegen. Anwesend sind auch Meister der flachen Querformätbilder, die ihre kobaltblauen Skylines aufs neue hochschießen lassen und dem Purpursegel auf dem Lago Maggiore den ganz schnellen Wind verpassen. Ein Invalide, der sonst nur zur Weihnachtszeit mit den sich öffnenden Herzen zu rechnen können glaubt, legt jetzt schon die Mütze vor den Krückstock. Außerdem einen Kanten Brot, der ihn bei der Darstellung seiner Armut unterstützen soll. Die Rosenverkäufer halten dagegen ihre alten Eckpositionen bei und vermischen sich nicht mit denen, die – im Schneidersitz sitzend – den "Typen" zugerechnet werden.