Von Rebecca Martin

Die Renaissance der Sexualwissenschaft begann vor fünfundzwanzig Jahren mit den Arbeiten Alfred C. Kinseys über das Sexualverhalten des amerikanischen Durchschnittsbürgers: Kinsey und seine Mitarbeiter befreiten die Sexualität des Menschen aus dem verkrüppelnden und verfälschenden Zugriff ideologischer Verklärung und psychopathologischer Verwerfung – statt des moralisierend und beweislos so genannten "Abartigen" traten erstmals der "normale" Mann und die "normale" Frau ins Blickfeld der von den Vorurteilen der historischen Sexualpathologie sich lossagenden neuen Sexualwissenschaft.

Daher muß es heute wie ein Rückfall in das überwundene Mittelalter dieser Forschungsrichtung anmuten, wenn der langjährige Mitarbeiter und derzeitige Kommissarische Leiter des Instituts für Sexualforschung an der Universität Hamburg – das in Deutschland eine ähnliche Schrittmacherfunktion ausübte wie das Kinsey-Institut in Amerika – ein umfangreiches Werk über die Psychopathologie abnormen Sexualverhaltens vorlegt. Bei näherem Zusehen erweist sich freilich das Buch

Eberhard Schorsch: Sexualstraftäter; Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart; 259 S., 59 Abb., 33 Tab., 39 Mark

als erster Beitrag zu einer auch theoretisch fundierten Vergangenheitsbewältigung der forensischen Psychiatrie in Deutschland. Schorsch weist nach, daß die psychiatrische Sexualpathologie – ausschließlich am "Kranken" und "Abartigen" orientiert und unbekümmert um die Kenntnis der sogenannten normalen Sexualität – in ihren Ursprüngen mit der geltenden, gesellschaftlich definierten Moral identifiziert war und es weitgehend auch heute noch ist. Diese unreflektierte "moralische Position" drückt sich darin aus, daß ein Normalverhalten – das heißt der Gehorsam gegenüber den Forderungen der Moral – mit psychischer Gesundheit und ein abweichendes – das heißt zunächst nur: ein seltenes Sexualverhalten – mit psychischer Abnormität und Krankheit gleichgesetzt wird. Ein so begründeter Krankheitsbegriff gibt der gesellschaftlichen Intoleranz einen Anstrich Wissenschaftlich-ärztlicher Notwendigkeit; symptomatisch für diese Rechtfertigungspraxis ist die nicht einmal vor Homosexuellen oder Exhibitionisten erlahmende "Kastrationsfreudigkeit" von Medizinern und Juristen, die unlängst Eingang in das Strafgesetzbuch gefunden hat.

Neben der moralischen Position der Psychopathologie kritisiert Schorsch ihre Beschränkung auf die individuelle Persönlichkeit als alleinige "Ursache" devianten Sexualverhaltens. Diese Einengung verführe zur Bildung falscher charakterologischer Stereotype von sexuell Devianten – wie etwa dem des kontaktunfähigen, scheuen Exhibitionisten, des aggressiven, gemütskalten Notzuchttäters oder des infantilen Pädophilen.

Um dem zu entgehen entwirft Schorsch ein neues Modell psychopathologischer Einordnung devianten Sexualverhaltens, da ohne ein solches weder der therapieorientierte Kliniker noch der zum Gutachter bestellte Sachverständige auskommen kann. Er geht davon aus, daß ein jedes Sexualverhalten ein – wenn auch noch so entstelltes – soziales Verhalten ist, welches immer partnerschaftlich angelegt ist, und daher zumindest potentiell immer eine Interaktion darstellt, die niemals nur von einem Akteur her beschrieben werden kann. Auszugehen habe man daher von der Analyse der konkreten Situationen, in denen sich ein sexuell deviantes Verhalten manifestiert. Schorsch bedient sich hierzu des Begriffs der Rolle, dessen Eignung für die Psychopathologie sich aus seiner Grenzposition zwischen Soziologie und Psychologie ergibt, denn die Rolle ist – nach Helmut Plessner – "das Gelenk, mit welchem ein Individuum gesellschaftlich relevante Bewegungen ausführt, ... die Nahtstelle, in welcher der einzelne Mensch und das gesellschaftliche Feld einander begegnen".