Ein Jet auf Europa-Tournee

Als die Aeroflot vor fünfzehn Jahren mit ihrem ersten Jet auf westlichen Flughäfen landete, wurden allzu neugierige Interessenten noch taktvoll auf Distanz gehalten. Damals galt alles, was sowjetische Techniker ausgetüftelt hatten, als top secret. Inzwischen sind die Russen großzügig geworden. Auf internationalen Ausstellungen präsentieren sie ihre neuen Jet-Kreationen genauso bereitwillig wie ihre westlichen Konkurrenten.

Der Grund für diese Freizügigkeit: Die Sowjets wollen ihre Flugzeuge verkaufen. Nicht, wie bislang, nur an ihre Nachbarstaaten, sondern auch an westliche Fluggesellschaften.

Den ersten Versuch wagten sie vor zwei Jahren. Sie verkauften an die italienische Aertirrena zwei ihrer Mini-Jets vom Typ YAK-40. Das erste Flugzeug wurde im letzten Herbst nach Italien geliefert.

Bevor die dreidüsige YAK-40 (24 Passagiere) im Linienverkehr eingesetzt wurde, startete sie zu einer Europatournee, um sich bei anderen Fluggesellschaften vorzustellen. Und der Rundflug machte sich bezahlt: Allein in Deutschland verkaufte die Moskauer Aviaexport – "Alleinexporteur von sowjetischer Verkehrsflugtechnik" – inzwischen acht YAK-40 und für zwei Maschinen konnten die sowjetischen Flugzeughändler Optionen buchen.

In Deutschland läßt sich Aviaexport von zwei Branchenneulingen. vertreten: Werbemann Rolf B. Bollmann benötigte für seine Agentur einen Hubschrauber, mit dem er die Luftwerbung modernisieren wollte. Aus Sicherheitsgründen sollte der Werbehelikopter mit zwei unabhängigen Motoren ausgerüstet sein. Im Westen gab es diesen sicheren Hubschrauber nicht. Das Gesuchte fand er in Moskau: den zweimotorigen Hubschrauber K 26.

Von den Möglichkeiten im Flugzeugverkauf überzeugt, erwarb Bollmann bei der Aviaexport gleich auch die Generalvertretung für Deutschland: Er gründete in Blomberg, Lippe, die Rotorcraft Flug GmbH. Der zweite Mann, Hans Hermann Reese, brachte für die Rotorcraft das nötige Kapital: Er verkaufte seine Lübecker Marzipanfabrik.

Für die Russen warb die Rotorcraft sogleich einen renommierten Kunden: Allein drei Maschinen kaufte die General Air des Hamburger Bankiers Salb als Ersatz für die betagten Convair Metropolitan, die im innerdeutschen Linienverkehr (von Hamburg nach Köln, Lübeck und Westerland) eingesetzt sind.

Ein Jet auf Europa-Tournee

Diese Woche nun endet die zweite Tournee, die Rotorcraft für einen russischen Jet inszenierte. Und diesmal zeigten sie einen größeren Jet. Auf sechs deutschen, Flughäfen stellt Rotorcraft den Passagier-Jet Tupolew 154 vor.

Die TU-154 ist so neu, daß sie bis jetzt in der UdSSR nur für Fracht und Postflüge eingesetzt wurde. Im Oktober aber sollen die ersten Passagiere damit fliegen können. Im Westen gilt die TU-154 als ernst zu nehmender Konkurrent für die Boeing 727-230, die vergrößerte Version des bei der Lufthansa eingesetzten "Europa-Jets".

Genau wie die große Boeing 727 bietet die TU-154 Platz für 158 Passagiere. Bei engerer Bestuhlung können in der TU-154 sogar 164 Passagiere Platz finden. Für diese Flugzeuggröße gibt es in Deutschland einige Interessenten: So war bei dem Premierenflug in Hamburg auch Bankier Salb dabei. Er ist nicht nur Kapitaleigner der General Air, sondern auch größter Anteilseigner bei der Münchner Touristikgesellschaft Bavaria. Doch, so Reese, er zeigte sich nicht interessiert.

Die Russen offerieren ihre TU-154 für rund 23 Millionen Mark ab Flughafen Scheremetewo. Damit liegt sie im Preis unter der Boeing 727-230, der von der Lufthansa mit 27 Millionen Mark angegeben wird. Doch die TU-154 kann sogar noch billiger verkauft werden: Schon jetzt steht fest, daß mindestens 1000 Exemplare von ihr gebaut werden. Von der Boeing 727 dagegen, einer der erfolgreichsten Jets des Westens, wurden bis jetzt erst 873 Exemplare bestellt. Aber auch in der Finanzierung scheinen die Russen bessere Konditionen zu bieten als im Westen allgemein üblich. Hermann Reese diplomatisch: "Konditionen und Endpreis sind Sache der Verhandlungen." Kai D. Eichstädt