Von Haug von Kuenheim

Rudolf Augstein, der Herausgeber des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel zog am letzten Wochenende die Kommandeurs-Flagge auf und beendete damit eine Krise, die sein Blatt in die Schlagzeilen der Zeitungen gebracht hatte. "Unser Selbstrespekt kann es nicht zulassen, daß wir dem Krisen- und sonstigen Gerede tatenlos freien Lauf lassen", sagte er vor seinen Ressortleitern (siehe Kasten: "Keine Nacht der langen Messer").

Augstein zog die Konsequenzen. Er kündigte den beiden "Rädelsführern" einer linken Revolte; er schrieb eine Hausmitteilung an die Spiegel-Leser: "Wir bleiben ein liberales, ein im Zweifelsfall linkes Blatt"; und er verkündete vor Mitarbeitern: "Der Spiegel muß aus den Schlagzeilen wieder heraus." Die Reaktion auf seine Aufräumaktion wartete er in aller Ruhe ab. Er hatte sie in sein Kalkül mit einbezogen. Seine Rechnung ging auf.

Anfang der Woche bliesen seine Linken zur Vollversammlung. Der Erfolg war kläglich: Von 228 Redakteuren waren nur 91 vertreten. Die Versammlung löste sich wegen Beschlußunfähigkeit auf. Von Solidaritätsbekundungen war nicht mehr die Rede, geschweige denn von Streik. Aus der Spiegel-Linken war die Luft heraus. Sie hatte sich selbst isoliert.

Die jüngste Spiegel-Krise hat exemplarischen Charakter. Die studentische Unruhe, die in den letzten Jahren allerorten Aktivität freisetzte und Reformen in Gang brachte, ergriff zwangsläufig auch die Presse – zumal den Spiegel. Er holte sich seine Linken direkt von der Hochschule auf die Redaktionssessel. Sie hatten dort, wie der jetzt gefeuerte Dr. Bodo Zeuner am Otto-Suhr-Institut in Berlin, in der vordersten Linie der Reformer gekämpft. Mit dem Schreiben oder Redigieren von Artikeln aber gaben sie sich nicht zufrieden; sie stellten im Spiegel das Spiegel-System in Frage. Bei der Diskussion über Mitbestimmungsmodelle und Redaktionsräte erzielten die jungen Linken auch einige Anfangserfolge, die ihnen allerdings bald den Blick für die Realität trübten.

Ihre Erfolge beruhten darauf, daß sie eine breite Masse unzufriedener Redakteure hinter sich bringen konnten. Außer im Springer-Konzern (und dort aus ganz anderen Gründen) gibt es wohl in keiner Redaktion zwischen München und Flensburg so viele frustrierte, von hohen Gehältern demoralisierte Journalisten wie beim Spiegel.

Nur noch wenige der in komfortable, vollklimatisierte Karnickelställe gepferchten Redakteure haben eine direkte Beziehung zu dem, was sie schreiben – und bleiben bis auf Ausnahmen anonym. Sie sind in der Mehrzahl bloß Zulieferer für die eigentlichen Macher des Blattes, die Ressortchefs, ihre Stellvertreter und Chefredakteure: Die 228 Redakteure inklusive der Dokumentaristen, Bild- und Schlußredakteure kennen sich persönlich kaum noch; die Chefs sprechen sie selten, Diskutiert wird in den einzelnen Ressorts mit wenig. Die journalistische Arbeit ist dermaßen durchorganisiert, daß das lebendige Blattmacher der hierarchischen Administration zum Opfer gefallen ist. So steril, wie aus dem Baukasten zusammengesetzt das Spiegl-Hochhaus an der Ost-West-Straße wirkt, so steril und künstlich wirken auch viele der erfolgreichen Spiegel-Redakteure: angepaßt, vor allem auf ihren Status bedacht, in unangefochtener Routine journalistisch erstorben.