Von Thomas M. Walde

Reinhard (von althochdeutsch Rhinehard – "der zum Spähen Ausgesandte") Gehlen kündigt seine Memoiren an: mit "Der Dienst" preußisch knapp im Titel, als werbetechnisches hors d’œuvre eine Prise Bormann-Mystizismus, zur visuellen Einstimmung ein Gehlen-Konterfei im Sonnenbrillenlook à la Greta Garbo.

Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) wurde als Ministerialdirektor nach der Besoldungsstufe B 9 für die Funktion entlohnt, der Bundesregierung Entscheidungshilfe durch die Bereitstellung geheim-nachrichtendienstlicher Informationen zu geben. Dazu gehörte auch, daß Gehlen und sein BND solche Informationen geheim hielten – das heißt, dem Publikum vorenthielten. Jetzt wird Reinhard Gehlen abermals honoriert, und zwar für die Illusion, er ließe das Publikum nachträglich am geheim-nachrichtendienstlichen Informationsmonopol teilhaben.

Das Verfahren ist keineswegs neu: Walter Nicolai, Max Ronge, Sir Kenneth Strong, Lyman B. Kirkpatrick jr., Allen W. Dulles, Otto John, um nur wenige Beispiele zu nennen, haben alle als leitende Beamte geheimer Nachrichtendienste Informationen gehortet und geheimgehalten und hernach darüber in meist nichtssagenden Memoiren geplaudert. Wird es mit dem Gehlen-Bestseller anders sein? Vielleicht wird sich Ernüchterung einstellen. Sie böte dem Publikum endlich einmal Anlaß, über die Rolle geheimer Nachrichtendienste in einem demokratischen System nachzudenken.

Reinhard Gehlen ist zu solcher Reflektion die geeignete Symbolfigur, wenn denn schon politische Probleme nicht anders als personalisiert ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt werden können. Von Reinhard Gehlen hätte der Historiker nüchtern ins Protokoll aufzunehmen, daß der in der Mentalität der Reichswehr erzogene Offizier im Frühjahr 1941 mit der Reorganisation der 12. Abteilung (Fremde Heere Ost – FHO) im Oberkommando des Heeres beauftragt wurde und 1946/47 für die USA im besetzten Deutschland einen geheim-nachrichtendienstlichen Apparat (Organisation Gehlen – Org) einrichtete, der durch Kabinettsbeschluß vom 11. Juli 1955 als Bundesnachrichtendienst (BND) in Bundesdienste übernommen wurde.

Um solche Tatsachen wucherte eine mysteriöse Heldenlegende; Dichtung und Wahrheit verstrickten sich erstmals 1954 in der von Gehlen und dem heutigen Spiegel- Verlagsdirektor Hans Detlev Becker inspirierten Spiegel-Titelgeschichte "Des Kanzlers lieber General". Dieses Puzzle wurde von Redakteuren des Nachrichtenmagazins und in deren Gefolge Publizisten aller Schattierungen über Jahre hinweg unkritisch fortgeschrieben. Die Demontage der Legende leiteten wiederum Spiegel-Redakteure ein: mit der in diesem Frühjahr publizierten Serie "Pullach intern". Es ist nun nicht mehr unumstritten, was der Unionsabgeordnete Baier noch vor wenigen Monaten als Fazit jahrelanger einhelliger Meinung kundtat: "Der Bundesnachrichtendienst unter Präsident Gehlen war zweifellos einer der angesehensten und effektivsten auf der ganzen Welt." Auch Welt-Chefredakteur Herbert Kremp war noch vor wenigen Tagen über jeden Zweifel erhaben: "Natürlich ist Reinhard Gehlen, der den Bundesnachrichtendienst über viele Jahre hinweg mit großem Erfolg leitete, für jeden tatsächlich informierten Beobachter kompetent."

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