Von Karl-Heinz Janßen

Als Hitler zum erstenmal den Reichsparteitag abblies, setzte er ein unübersehbares Zeichen nahenden Unheils. Als Mao Tse-tung (oder wer auch immer) zum erstenmal seit 21 Jahren die traditionelle Parade zum Gründungstag der Volksrepublik China absagte, rätselten die Auguren in Ost und West vierzehn Tage lang vergebens über den Sinn dieses Beschlusses. Je spärlicher die Informationen, desto üppiger die Gerüchte. Irgendwas schien indes faul zu sein im Reich der Mitte – just in dem Moment, da sich die Tore der Vereinten Nationen weit öffneten, um den Riesen einzulassen, der von den schweren Erschütterungen der Großen Kulturrevolution wieder genesen ist und sich aufgeschlossen zeigt für Kontakte mit den kapitalistischen Erzfeinden.

Die offizielle Begründung, die Paraden seien auf die Dauer zu kostspielig und müßten deshalb abgeschafft werden, wollte kaum einem China-Experten genügen, obschon es in Maos Rotem Buch heißt: "Wir müssen auf Sparsamkeit achten." Dreierlei Deutungen kehren in den Analysen immer wieder: Mao-Tse-tung und sein designierter Nachfolger Lin Piao seien krank, tot oder entmachtet; hinter verschlossenen Türen tobe ein Machtkampf zwischen den Parteiflügeln; eine sowjetische Invasion stehe unmittelbar bevor. In der Tat geht Mao auf die 80 zu; Lins Gesundheit ist angeschlagen; die Fraktionskämpfe um den pragmatischen neuen Kurs sind noch nicht beendet; und zwischen Moskau und Peking herrscht wieder ungetrübte Feindschaft.

Der Stilwandel im Ritual der Parteifeier deutet jedoch auf tiefergehende Veränderungen. So etwa könnte die Entgötterung des Vorsitzenden Mao anfangen. Tatsächlich war sie in der vor zwei Jahren einsetzenden Endphase der Kulturrevolution ohnehin vorgesehen worden; Mao selber hatte seinem Freunde Edgar Snow unlängst anvertraut, daß ihm der Personenkult zuwider sei. Dann wäre also eine Feier ohne Mao ein Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche, würde sich einfügen in das Bild eines sich wieder konsolidierenden Staatswesens, wie es zur Zeit in den Berichten aller China-Reisenden überliefert wird.

Die letzten Zuckungen der Kulturrevolution sind in den vergangenen Wochen verebbt. Auch in den noch ausstehenden vier der neunundzwanzig Provinzen des 800-Millionen-Reiches sind neue Parteikomitees eingesetzt worden. Nicht verstummt ist die innerparteiliche Auseinandersetzung über die wirtschaftliche Verfassung der Dörfer, über das Verhältnis zur Sowjetunion und vor allem über die Einladung an Präsident Nixon, die der chinesischen KP Ähnliches zumutet wie einst der sowjetischen Bruderpartei Lenins Ja zum Frieden von Brest-Litowsk oder Stalins Pakt mit Hitler. Offensichtlich in Ungnade gefallen oder doch zeitweilig aus dem Verkehr gezogen ist Tüschen Po-ta, Maos Vertrauter aus dreißig Jahren, der Einpeitscher der Kulturrevolution. Er wird nun als Ultralinker, als Pseudomarxist, als Ebenbild des verhaßten Expräsidenten Liu verdächtigt, immer auf die feine chinesische Art, die Namen durch Anspielungen ersetzt.

Wie stark die Widerstände gegen den außenpolitischen Kurswechsel sein müssen, wurde offenkundig, als die Parteipresse einen Artikel Maos aus dem Kriegsjahr 1940 hervorkramte, worin der Vorsitzende den Scharfmachern vom linken Flügel vorrechnet, warum es besser sei, die Widersprüche im Lager der kapitalistisch-imperialistischen Mächte auszunutzen, die Mächte gegeneinander auszuspielen und sich mit einigen von ihnen zu verbünden, statt sich mit allen gleichzeitig zu verfeinden. Tschu En-lais Politik der friedlichen Koexistenz mit den "imperialistischen" Staaten des Westens ist also mindestens durch ein Mao-Zitat abgesegnet.

Das chinesische Reich ist fast zu groß, um regiert zu werden, und noch zu arm, um Weltmacht zu sein. Fünfzig Jahre hat der Riese gebraucht, um sich hochzurappeln, fünfzig weitere Jahre wird er brauchen, um mit seinesgleichen Schritt halten zu können – das war Maos eigene Schätzung. Ähnlich bescheiden denkt Tschu Enlai, denken wohl auch einige der tonangebenden Militärs. Wenn nun die "Ultralinken" in den Hintergrund – gedrängt werden und Mao den Tribünen fernbleibt, so haben die Pragmatiker – seine möglichen Erben – den praktischen Nutzen davon.