Am Wochenbeginn sahen die Börsianer ihre These bestätigt: Wenn es wieder aufwärts geht, werden in der ersten Phase die Standardaktien der Großchemie an der Reihe sein. Zwar zählten sie in den letzten Tagen nicht gerade in den Spitzenrennern, aber auch nicht zu den Schlußlichtern. Nach der Pressekonferenz der Farbwerke Hoechst glaubt man, im Großchemiebereich wieder "Land" sehen zu können. Deshalb lassen sich die Dividendenkürzungen verschmerzen. Ob sich die Konzernleitungen allerdings bewußt sind, wie schwerwiegend ein Dividendenschnitt für die Zukunft ihrer Unternehmen am Kapitalmarkt sein wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls geht mit den bevorstehenden Dividendensenkungen für die Großchemie die Zeit ungewöhnlich hoher Ausgabekurse bei Kapitalerhöhungen zu Ende. Künftig wird die Expansion weitgehend aus eigener Kraft finanziert werden müssen. Der Wunderglaube an die Unfehlbarkeit der Konzernleitungen ist zerstört.

Zu den Spitzenverdienern der letzten Tage sind wieder einmal die Großbankaktien zu rechnen. Treibende Kräfte waren die Aussichten auf eine Senkung der Mindestreserven, die höheren Rentenkurse und nicht zuletzt die zuversichtlichen Erklärungen, die der Sprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, zur Ertragslage des Jahres 1971 abgab: "Sie wird mit Sicherheit besser als 1970." Über eine Kapitalerhöhung ist bei der Dresdner Bank noch kein Entschluß gefaßt. Sie kann durchaus erst 1972 kommen.

Selbst die VW-Aktie ist wieder zum Leben erwacht. In Börsenkreisen hat man beruhigt zur Kenntnis genommen, daß das USA-Geschäft trotz der Währungsschwierigkeiten noch ganz gut gelaufen ist und daß Preiserhöhungen recht reibungslos geschluckt wurden, da die Wagen drüben fast ausschließlich auf Raten gekauft werden. Dann spielt der Preis erfahrungsgemäß keine ausschlaggebende Rolle. Im übrigen ist man beruhigt, daß die VW-Führungskrise jetzt ihr Ende gefunden hat. Selbst Vermutungen, wonach 1972 das Wolfsburger Unternehmen dividendenlos bleiben wird, störten die Kurserholung nicht.

Für Regional- und Spezialaktien war die Kaufneigung noch gering. Das war zu erwarten, weil ihre Kurse weniger unter Druck gelegen hatten als die der großen Standardaktien. Das lag zum Teil an gezielten Käufen interessierter Gruppen, die die börsenschwache Zeit nutzten, ihre Bestände an erstklassigen Spezialpapieren aufzurunden.

Einen heftigen Rückschlag mußten die Audi-NSU-Genußscheine hinnehmen, denen ein Teil der Einnahmen aus den Wankel-Lizenzen zugute kommt. Ihr Kurs sank von 130 auf 116 Mark. Die Steigerungschancen dieser Papiere werden jetzt als begrenzt betrachtet, so daß der Berufshandel in Papiere mit besseren Gewinnchancen umsteigt. K. W.