Der viertägige Besuch von KP-Chef Breschnjew in Jugoslawien hat beiden Seiten nicht das erhoffte Ergebnis gebracht. Nach "intensiven Debatten", denen Breschnjew sogar einen geplanten Jagdausflug opferte, unterzeichneten er und Marschall Tito eine gemeinsame Erklärung, die zwar das Recht eines jeden sozialistischen Landes auf den eigenen Weg gemäß seinen "Besonderheiten" konstatiert, aber die Lehre von Marx, Engels und Lenin zur "unabänderlichen Grundlage" erklärt (siehe Dokumente der ZEIT).

Breschnjew war Mitte voriger Woche, fast auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem letzten Jugoslawien-Besuch, in Belgrad recht kühl empfangen worden. Seinem betont herzlich gehaltenen Wunsch nach Verbesserung der Beziehungen zum "befreundeten sozialistischen" Jugoslawien setzte Tito die Hoffnung entgegen, daß künftig eine ersprießliche Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Respekts gewährleistet sein möge. Der Moskauer KP-Chef denunzierte die nach ihm benannte Formel. von der beschränkten Souveränität der sozialistischen Länder als "eine von bestimmten Kreisen in Umlauf gesetzte Fabel", gab jedoch zu erkennen, daß er durch diese Zugeständnisse Belgrad stärker als bisher in das sozialistische Lager einbeziehen möchte.

Tito wehrte seine "ideologische Umarmung" (Stuttgarter Zeitung) ab. Differenzen entzündeten sich an der Frage der Invasion in die ČSSR und des Verhältnisses zu Peking. Dazu hatte das Belgrader Parteiorgan Borba am Vorabend des Besuchs festgestellt, daß Jugoslawien gerade als unabhängiger Staat seine Beziehungen zur Volksrepublik China ausbauen werde.

Beide Staaten vereinbarten engere Zusammenarbeit auf wirtschaftlich-technischem Gebiet, wobei Belgrad in einigen Punkten beträchtliche Zugeständnisse machte. Breschnjew flog am Samstag überraschend nach Budapest und Sofia, um die ungarische und bulgarische Führung über die Belgrader Ergebnisse zu informieren.