Die Redaktion des SPIEGEL hat vor zwei Jahren einen unwiderruflichen Weg in die verantwortungsbereite Mitbestimmung angetreten. In der Gesellschafterversammlung dieses Hauses werden demnächst 50 Prozent der Kapitalanteile von den Betriebsangehörigen vertreten. In dem fünfköpfigen Delegiertenrat, der die beiden Gesellschaftervertreter des Betriebs instruiert, haben, jedenfalls nach den bisherigen Plänen, Angehörige von Redaktion und Dokumentation drei Sitze. Es gibt schlechtweg nichts, was in einer Gesellschafterversammlung nicht zur Sprache gebracht und verantwortlich entschieden werden kann – wie es umgekehrt nur weniges gibt, das in einer 225köpfigen Vollversammlung der Redaktion verantwortlich beraten und entschieden werden könnte ...

In einer Vollversammlung, deren Mitglieder mehrheitlich um Verbesserung ihres Status im weitesten Sinne kämpfen, finden Anträge gegen die Leitung der Redaktion oder des Hauses leicht eine Mehrheit. Anträge gegen die Geschäftsführung und die Chefredaktion können darum nur in Extremfällen vertretbar und sinnvoll erscheinen. Der Gedanke, weitere Zusammenarbeit mit dieser Chefredaktion sei der Redaktion nicht zumutbar, streift die Grenze des Lächerlichen. Wer sich zum "Widerstandskämpfer" hochstilisiert, muß auch für die Folgen – eventueller Ruin des Unternehmens – einstehen ...

Demokratie bedeutet nicht, daß jeder überall Bescheid wissen und über alles mitbestimmen muß. Ob eine Personalentscheidung richtig war und wie sich amtierende Chefredakteure und Herausgeber verhalten, darüber kann man verantwortlich nur reden, wenn man die Hintergründe kennt. Die Hintergründe aber können vor zweihundert Leuten nicht ausgebreitet werden, auch mit Rücksicht auf die von einer Personalentscheidung Betroffenen nicht. Wir würden sonst die Teller zum Fenster hinauswerfen, von denen wir essen müssen ...

Sehr wohl können einzelne Redakteure dieses Hauses sich die Kenntnisse aneignen, die denn immer noch nötig sind, um die Geschäfte und die Redaktion zu führen. Von allen Mitgliedern einer Vollversammlung solche Kenntnisse zu verlangen, wäre indes unbillig. Wollte man den formalen Demokratiebegriff des parlamentarischen Systems auf unseren Betrieb übertragen, so würde das erstens bedeuten, daß die Redaktion ständig in der Minderheit gegenüber allem übrigen Personal wäre. Weiter würde das bedeuten, daß innerhalb der Redaktionsvollversammlung zwei oder mehr Fraktionen einen permanenten Wahlkampf gegeneinander führen müßten.

Eine nichtarbeitende Opposition als Minderheit gegen die arbeitende Mehrheit agitatorisch tätig, dieses Schreckensbild genügt, um die Untauglichkeit der parlamentarisch-demokratischen Regeln für unsere Arbeit darzutun ...

Mit uns wollen genügend qualifizierte Redakteure und Dokumentaristen verantwortlich zusammenarbeiten, die mit uns das ordnungsgemäße Erscheinen des Blattes unter jeden Umständen gewährleisten. Bei den Wortführern der Vollversammlungsstrategie ist das nicht der Fall. Ließe man sie machen, würde das Blatt weder erscheinen noch den unerläßlichen wirtschaftlichen Kredit genießen...

Eine Nacht der langen Messer findet nicht statt. Mitbestimmung, vollverantwortliche Selbst- und Mitbestimmung aus den bestehenden Institutionen heraus, bleibt unser Ziel, ebenso ein funktionsfähiger Redaktionsrat, den Geschäftsführung und Chefredaktion zu allseitigem Gewinn konsultieren können und sollen, ja, wenn die Voraussetzungen wieder da sind, müssen. Wir sind und bleiben eine liberale, eine im Zweifelsfall linke Redaktion.