"Underground Film" – Eine kritische Darstellung von Parker Tyler. Der Autor hat von Beginn an die Bewegung des New American Cinema (NAC) kritisch begleitet, aber sein Ausgangspunkt und Maßstab zur Beurteilung der Avantgarde von heute ist die der zwanziger und dreißiger Jahre, des Dadaismus und Expressionismus; der Bogen wird gespannt von "Caligari" und "L’Age d’Or" bis zu "Flesh" und "Trash". Diese Perspektive und die eminenten Kenntnisse Tylers machen sein Buch zu einem historischen, ästhetischen, psychologischen und soziologischen Intim-Report über den Underground-Film, gespickt mit Daten, Namen, Fakten, weitreichenden Zusammenhängen, faszinierenden Kombinationen und mitreißenden Passagen. Daneben stehen jedoch auch obskure Theorien und unmögliche Pauschalurteile über die gesamte Bewegung des NAC; zudem ist der Aufbau des Buches so wirr, die Edition so schludrig, die Übersetzung manchmal bis zur Unverständlichkeit holprig und in so sichtlicher Aversion gegen die deutsche Grammatik angefertigt, daß die Lektüre nicht selten zur Strapaze wird. Es werden zu viele Kenntnisse vorausgesetzt, und das Fehlen eines Namen- und Sachregisters ist unverzeihlich. (März Verlag, Frankfurt; 244 S., Abb., 20,– DM) Wolf Donner

"Bomber", Roman von Len Deighton. Der Inhalt: eine englische Bomberstaffel bereitet sich auf ein nächtliches Bombardement vor. Dasselbe tun auch die deutschen Nachtjäger. Ziel ist Krefeld, getroffen wird jedoch die idyllische Kleinstadt Altgarten, weil die zwei "Moskitos", die die Markierbomben hätten abwerfen sollen, wegen technischer Pannen ihre Aufgabe falsch erfüllt haben. Altgarten wird zu einem Flammenmeer, die Besatzungen kehren entweder überhaupt nicht oder schwerverwundet zurück. Fazit: das Unternehmen kostete viel Menschenleben und Material, war aber vollkommen sinnlos. Fazit zwischen den Zeilen: Fliegen ist schön, Kampf ist schön, Mut und technische Perfektion bringen den Mann über die Runden. Stilprobe: "Ihr schwarzes Haar verwandelte das weiße Kissen in Marmor, und mit ihren fest geschlossenen Augen sah sie aus wie eine Märchenprinzessin, die auf einen Kuß wartet, der sie aus der Verzauberung weckt." Umfang: 450 enggedruckte Seiten, großtenteils mit Flieger-Kauderwelsch aufgefüllt. Der Autor: büffelte alles über Unterkühlungs-, Überhitzungs- und Druckabfallexperimente deutscher Ärzte an Gefangenen in Dachau, über die Entwicklung des englischen Radar- und "Oboe"-Systems, über die Entwicklung der deutschen Freya- und Würzburg-Geräte (was heutzutage allerdings schon in Taschenbüchern nachzulesen ist). Er hat Überlebende befragt und, laut Klappentext, jahrelang recherchiert. In England war der Roman ein Bestseller; er ist, dies meine Meinung, ein langweiliges und vollkommen überflüssiges Buch. (Aus dem Englischen von Hermann Stiehl; Ullstein-Verlag, Berlin/Frankfurt; 448 S., 26,– DM) Mario Szenessy

"Die Regenbogenpresse", eine Analyse der bunten deutschen Wochenblätter, von Walter Nutz. Was ist los mit Claus und Beatrix? Trafen Marika und Hans-Jürgen sich heimlich am Starnberger See? Hat Soraya noch einen Koffer in Teheran stehen? In Palästen und Fürstenhäusern, in Wochenendresidenzen und beim Galaempfang werden sie aufgestöbert, die gekrönten und die ungekrönten Häupter, die Idole der Regenbogenpresse (so genannt nach der kolorierten Kopfleiste der Gazetten). Mit einer wöchentlichen Auflage von acht Millionen Exemplaren und etwa doppelt so vielen Lesern ist sie eine gewaltige öffentliche Erscheinung und darum der kritischen Aufmerksamkeit wohl wert. Daß Heim und Welt, Die Neue Post, Das Neue Blatt und wie diese Postillen heißen nicht aktuelle Informationen bringen, sondern Märchen erzählen, daß sie nicht zu Kritik, sondern zu Konformität erziehen, daß sie des Lesers Vorurteile Hals über Kopf bestätigen, statt sie zu zertrümmern, und daß sie das nicht aus Menschenliebe, sondern aus Profitstreben tun: dies festzustellen bedarf es kaum einer aufwendigen Analyse. Mehr aber, als man sich während der flüchtigen Lektüre beim Friseur schon so ungefähr selbst gedacht hatte, erfährt man von Walter Nutz leider auch nicht. Nichts über die Rezipienten dieser Blätter, wie sie es fertigbringen, gegen ihre tägliche Erfahrung an die heile Welt der Regenbogenpresse zu glauben, nichts über die Mentalität der Redakteure, die, wenn sie wirklich die raffinierten Betrüger wären, für die Nutz sie hält, wahre Meister der Linguistik und Sozialpsychologie sein müßten, um die jede Universität sich reißen würde. Wer die "Tante-Klara-Blätter" analysierte, sollte nicht mehr nur dumme Leser und superschlaue Redakteure sehen, sondern bemerken, wie beide, anonym betrogen, unter dem Schutz ohnmächtiger Bewunderung heimliche Angriffe gegen die Idole reiten, wie sie die Könige aus den Palästen in ihre kleinbürgerlichen Wohnstuben zerren. Zu zeigen, wie dem Star von der Regenbogenpresse unbewußt, aber wirksam heimgeleuchtet wird – diese Gelegenheit hat Nutz verpaßt. (Westdeutscher Verlag, Opladen; 112 S., 9,80 DM) Christian Schultz-Gerstein

"Das Schicksal der Lena Christ", von Günter Goepfert. Von ihrer Glonner Kindheit bis zu ihrem Selbstmord auf dem Münchner Waldfriedhof ist das Leben der Lena Christ, die eine außergewöhnliche Volkserzählerin, eine schwer Leiderfahrene und eine schwierige Frau war, immer wieder und in jeder Version bewegend und aufwühlend, selbst in einer so glanzlosen Biographie wie dieser. Dabei hat Günter Goepfert – nicht zu verwechseln mit dem Münchner Professor und Hanser-Lektor – zwar enormes Quellenstudium getrieben, aber jede Chance zur analytischen, aufhellenden, kritischen Darstellung verpaßt. Für ihn ist alles "Schicksal": "Die Tragik bestimmte ihr Schicksal", schreibt er feinsinnig, und: "Soweit man bei Umständen, die allein von der Natur bestimmt werden, von Schuld und Versagen reden kann ..." Wozu dieser Mantel der Nächstenliebe, wenn es Mittel gibt, die sogenannten Peinlichkeiten doch wenigstens zu erklären? Für Goepfert existieren weder Soziologie noch Psychoanalyse. Auch sein Stil ist der einer simplen Hagiographie für Erstleser, und dazu paßt kurioserweise denn auch die Rechtfertigung der Beihilfe zum Selbstmord, deren sich Lena Christs Umgebung schuldig machte – denn es war ja alles "ihr Schicksal". Schade, dabei hätte man eine Christ-Biographie gern jedermann empfohlen! Aber dazu müßte sie wohl von einem verfaßt sein, dem es nicht nur "ein Anliegen" ist, sondern dem bei aller liebenden Verehrung gleichzeitig vor soviel Elend die Galle überläuft. (Süddeutscher Verlag, München; 140 S., 16,80 DM) Martin Gregor-Dellin