Von Dietrich Strothmann

Es gibt im Westen nur zwei, drei Porträtphotos von ihm: Sie zeigen ein weichgeschnittenes, faltenloses Gesicht, volles, weißgraues Haar und kleine Augen hinter einer randlosen Brille. Großväterlich-freundlich wirkt es, nicht durchtrieben, verschlagen, hart. Dabei ist es das Gesicht eines der mächtigsten Männer im Kreml und des Chefs der wohl größten Spionageorganisation der Welt: Jurij Wladimirowitsch Andropow, Vorsitzender des Komitees für Staatssicherheit des Ministerrats der Sowjetunion, auf russisch Komitet Gossudarstwennoj Besopasnosti, kurz KGB genannt.

Dieser Tage hat dieser freundliche, ältere Herr, der aussieht, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun, eine empfindliche Schlappe einstecken müssen: 105 Sowjetmenschen, die offiziell in Diensten der Botschaft und verschiedener Gesellschaften standen, wurden von der britischen Abwehr als Spione enttarnt und des Landes verwiesen – 105 "legale" und "illegale" Agenten Andropows.

In der Karriere dieses hohen Kremlfunktionärs ist die Aufdeckung des Londoner Spionagerings, mit all ihren Folgen für die sowjetische Agentenarbeit im Westen und für die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten, ein schwerer Rückschlag. Kenner vermuten bereits, daß es ihm alsbald ähnlich ergehen könnte wie seinen Vorgängern. Alexander Scheiepin, KGB-Boß von 1958 bis 1961, galt als Breschnjews Rivale und mußte sich mit dem Vorsitz des Gewerkschaftsbundes begnügen. Wladimir Semitschastnij, Schützling Chruschtschows und Spionagechef bis zu Andropows Ernennung am 19. Mai 1967, wurde die spektakuläre Flucht der Stalin-Tochter Swetlana angelastet. Verschwindet nun auch der Breschnjew-Günstling Andropow in der Versenkung?

Die Londoner Affäre ist seine zweite "Panne". Die erste, so heißt es, leistete er sich 1968, kurz nach seinem Amtsantritt, als er die Entwicklung des Prager Frühlings falsch beurteilte und die Kremlführung nicht rechtzeitig zum Eingreifen ermahnte. Dabei hat Andropow wie kaum ein zweiter in der Moskauer Hierarchie Erfahrungen mit "Konterrevolutionären" und "Revisionisten": 1956 war er Botschafter in Budapest und maßgeblich an der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes beteiligt. Danach, als Leiter der ZK-"Abteilung für Verbindungen zu ausländischen kommunistischen Parteien", tat er sich, ein Schüler des Parteidogmatikers Suslow, in der Rolle des Chefagitators wider die Abtrünnigen in China, Albanien und Jugoslawien hervor. Diese undankbare Rolle als Gräbenkämpfer in der vordersten ideologischen Schlachtlinie brachte ihm dann auch neben dem KGB-Posten, dank Breschnjews Fürsprache, die Kandidatur für das Politbüro ein. Dort ist er eines von 20 Mitgliedern – seit dem 1953 hingerichteten Sicherheitschef Berija der erste KGB-Leiter, der zugleich ein hohes Parteiamt bekleidet, dekoriert dazu mit zwei Lenin-Orden. Das mag ihm, wenn es zu internen Auseinandersetzungen um seine Londoner Schlappe kommen sollte, vor dem Schlimmsten bewahren.

Die Partei ist, seit er der Jugendorganisation Komsomol beitrat und die Kaderschule besuchte, Andropows Heimat. Angefangen hatte er mit 16 Jahren als Telegraphist und Filmvorführer, später begann er zu studieren, wurde 1939 Mitglied der KPdSU, dann "Komsomol"-Führer in der Provinz, 1951 Leiter einer politischen Abteilung im Moskauer ZK, zwei Jahre später bereits Berater an der Budapester Botschaft und 1954 Botschafter. Damals fiel er westlichen Kollegen als jovialer, witziger, charmanter Plauderer auf, der fließend Englisch spricht; zusammen mit seiner attraktiven Frau war er ein gern gesehener Partygast.

Als Hausherr in dem großen, grauen Gebäude an der Dserschinski-Straße Nr. 2 – genannt nach Dserschinski, dem Chef der Tscheka, Vorläuferin des KGB – gebietet er, nach Schätzung gen, über eine Armee von rund 25 000 Nachrichtendienstlern und verwaltet einen Jahresetat von ungefähr zehn Milliarden Mark. Außerdem unterstehen ihm 300 000 Grenzsoldaten und 200 Spionageschulen. Er ist, nach Lenins Diktum über die Rolle der Geheimpolizei, der "eiserne Arm der Diktatur" oder, wie er es anläßlich des 50. Jubiläums der Tscheka selber ausdrückte: der Wächter des "demokratischen Geistes der Sowjetmacht", für die er "im Zuge der Koexistenzpolitik als Form des Klassenkampfes spezielle Aufgaben" zu erfüllen habe.