Im Jahre 1864 fiel ein Meteorstein auf Frankreich, nieder. Bei der anschließenden Untersuchung glaubten die Gelehrten, einer wissenschaftlichen Sensation auf die Spur gekommen zu sein. Der Meteorit, so schien es, enthielt Reste von lebender Materie. Wenig später freilich stellte sich heraus, daß die Forscher einem Schwindel aufgesessen waren – die vermeintlichen außerirdischen Lebensspuren waren erst auf der Erde in den Orgueil-Meteoriten eingeschleust worden.

Jetzt wurde der berühmte Schwindelstein aus den Tiefen des Alls doch noch wissenschaftlich rehabilitiert. Forscher vom Ames Reserarch Center der US-Weltraumbehörde NASA im kalifornischen Mountain View isolierten unlängst Spuren organischer Materie aus dem – zuvor 100 Jahre lang sorgsam untersuchten – Orgueil-Stein: sechs verschiedene Aminosäuremoleküle (Eiweißgrundstoffe) und acht Molekültypen des DNA-Bausteins Pyrimidin, eines Teils der genetischen Schlüsselsubstanz jeder Zelle.

Bereits in den letzten zehn Monaten gelang es dem Forscherteam um Dr. Cyril Ponnamperuma zweimal, derlei organische Stoffe in Meteoritenbruchstücken nachzuweisen. Der in Amerika lebende Ceylonese Ponnamperuma gilt als Fachmann für extraterrestrische Biologie. Seine Arbeitsgruppe registrierte im November vergangenen Jahres bei der Untersuchung des Murchison-Meteoriten der am 28. September 1969 in Südost-Australien niederging, erstmals mit Sicherheit organisches Material außerirdischer Herkunft. Wenig später gelang den Wissenschaftlern der gleiche Fund beim Murray-Meteoriten.

Insgesamt 18 verschiedene Aminosäuren konnte Ponnamperumas Mannschaft damals in beiden Weltraumbruchstücken nachweisen. Sechs davon fanden sie nun im Orgueil-Meteoriten wieder; fünf weitere stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von irdischen Verunreinigungen. Die Übereinstimmung der drei untersuchten Objekte überraschte die Wissenschaftler keineswegs. Sie vermuten, daß die Meteoriten aus dem Asteroiden-Gürtel zwischen Mars und Jupiter stammen und bei der Geburt des Sonnensystems vor 4,5 Milliarden Jahren entstanden sind.

Der späte Nachweis organischen Materials im hundertjährigen Orgueil-Meteoriten beruht nicht auf früheren unsorgfältigen Untersuchungen. Vielmehr verfügen Biochemiker erst seit wenigen Jahren über derart präzise Identifikationsmethoden, wie sie bei der Suche nach den Spuren extraterrestrischer Moleküle notwendig sind. So verwendeten auch die Forscher im Arnes-Zentrum einen Gas-Chromatographen kombiniert mit einem hochempfindlichen Massenspektrometer.

Die Bestimmung der außerirdischen Herkunft der gefundenen Moleküle fiel den Wissenschaftlern dagegen leichter. Alle Aminosäuren in den lebenden Organismen dieser Erde sind in ihrer Molekülstruktur "linksgewirkt". Außerirdische Aminosäuren können dagegen vom L- (von laevus = links) oder vom D-Typ (von dexter = rechts) sein; die beiden Typen verhalten sich wie Bild und Spiegelbild. Tatsächlich haben die jetzt gefundenen Aminosäuren sowohl links- als auch rechtsgerichtete Strukturen.

Ob auch Aminosäuren vom D-Typ den Grundstock lebender Organismen bilden können, ist unter den Biologen nach wie vor sehr umstritten. Auf jeden Fall zeigten die übereinstimmenden Entdeckungen in den etwa gleich, alten Meteoriten, daß die Voraussetzungen für die Entstehung von Leben bereits bei der Formation des Sonnensystems gegeben waren. Die nötigen Grundstoffe für den chemischen Aufbau von Aminosäuren – zum Beispiel Wasserstoff, Stickstoff, Methan oder Blausäure – wurden nicht nur in vielen Meteoriten gefunden, sondern in den letzten Jahren auf radioastronomischem Weg sogar im freien Weltraum nachgewiesen.

Warum sollte es nicht, so spekulieren einige Wissenschaftler, auf irgendwelchen Planeten Lebewesen mit "rechtsgewirkten" Aminosäuren geben? Günter Haaf