"Recht energisch" – so der britische Außenminister Douglas-Home –, aber vergeblich, protestierte sein sowjetischer Amtskollege Gromyko noch am Montag in New York gegen den Beschluß der britischen Regierung Tom vergangenen Freitag, wonach 90 Sowjetbeamte England innerhalb von 14 Tagen verlassen müssen. 15 abwesenden Sowjetbürgern mit noch gültigen Visa wird die Rückkehr nach Großbritannien untersagt. Alle Ausgewiesenen sind nach britischen Angaben nachweislich für den sowjetischen Geheimdienst KGB tätig gewesen.

Moskau schwieg zwei Tage und drohte dann mit Repressalien gegen die 393 in der Sowjetunion lebenden Briten, falls London diese "beispiellose Maßnahme" nicht rückgängig mache. Der "völlig unbegründete" Vorwurf der Spionage stelle einen schlimmen Rückfall in den Kalten Krieg dar und sei van konservativen Kräften angezettelt, um die Entspannung in Europa zu stören. Die Regierung Heath blieb unter dem Beifall der gesamten britischen Presse hart.

Für Moskau konnte die Entscheidung nicht überraschend sein. Seit Oktober 1970 hatte London zweimal das Thema "Spionage in England" angeschnitten, aber keine Antwort erhalten. Vor drei Monaten lief ein Mitglied des sowjetischen Geheimdienstes über angeblich der zweite Mann in England, im Range eines Generals. Sein Name wird geheimgehalten; Londoner Zeitungen wollen nicht nur das Motiv – Liebe zu einer Engländerin – kennen, sondern auch wissen, daß das mitgebrachte Material zwei prall gefüllte Aktentaschen ausmache, für weitere Ausweisungen ausreiche und auch sowjetische Spione in anderen Nato-Ländern nenne.

Die Umstände erlauben den Schluß, daß London weniger an einer Eindämmung der Spionage, vornehmlich der Industriespionage, liegt (die seit 1927 "Tradition" hat) als an einer Begrenzung des sowjetischen Personals. Nach einem aufgedeckten Spionagefall im Jahre 1968 war das Botschaftspersonal auf 80 Köpfe beschränkt worden. Die Sowjets wichen auf die Handelsmission, die Büros von Aeroflot und Intourist und auf vier weitere Handelsagenturen aus. Immer mehr Ehefrauen "arbeiteten mit". 1971 waren schließlich trotz sinkenden Handelsvolumens 550 Sowjetbeamte in England tätig – die größte Moskauer Mission im Westen.

Londoner Vorstellungen stießen auf taube Ohren. Jetzt soll die Gesamtzahl auf 550 minus 105 = 445 begrenzt werden, und das Foreign Office kündigte an, für jeden weiteren wegen Spionage ausgewiesenen Russen werde sie in der entsprechenden Kategorie um eins herabgesetzt. Nach Angaben von KGB-Überläufern rechnet man, daß etwa 60 Prozent aller Missions-Mitglieder irgendwie nachrichtendienstlich eingesetzt sind.

Die englische Regierung hatte in den vergangenen zwei Jahren häufiger vor der Neugierde der kontakt- und besuchsfreudigen Russen warnen müssen, die sich ihrerseits in "Klein-Moskau", der Sowjetkolonie in High-Gate West Hill im Nordwesten Londons, ganz in der Nähe des Grabes von Karl Marx, höflich, aber energisch vor interessierten Engländern abschirmen. Besondere Aktivität gilt dem britisch-französischen Überschall-Flugzeug Concorde und britischen Elektronik-Erzeugnissen, speziell im Computerbau. Elektronische Großrechenanlagen sind unter anderem auch für die Raketenverteidigung wichtig. Über 60 Visa-Widerrufe und Ausweisungen in den letzten zehn Jahren sind die Frucht der, wie die Sunday Times anmerkte, sowjetischen Staatswirtschaft: Bei den Russen müsse der Staat die Spionage treiben, die sonst von der Konkurrenz besorgt werde.