Von Karl-Heinz Wocker

Englands Premierminister nehmen ihren Biographen die Arbeit gern vorweg. Attlee ("As it happened"), Churchill ("The Second World War"), Eden ("Memoirs", 3 Bände) und Macmillan ("Memoirs", 4 Bände, ein fünfter folgt) haben das Vierteljahrhundert seit Kriegsbeginn aus ihrer Sicht dargestellt. Sie konnten nicht verhindern, daß Diskrepanzen bleiben zwischen dem Bild, das sie gern von sich in den Geschichtsbüchern sähen, und der Vorstellung, die ihr Name zuvörderst erweckt. Eden warnte vor den europäischen Diktatoren, verwechselte dann aber Nasser mit den Vorkriegsfaschisten und zahlte hart dafür. Macmillan wollte das gute Leben für alle, aber in der Profumo-Krise wurde er als erster Exponent einer versinkenden Gesellschaft weggeschwemmt. Churchill bewahrte England vor Invasion und Niederlage, aber in seiner Nachkriegsamtszeit wandte er sich von Europa ab und warf sein Land um zwei Jahrzehnte zurück. Attlee schuf den Wohlfahrtsstaat, aber aus seinen Tagen in Erinnerung geblieben sind vor allem Bezugscheine und ungeheizte Wohnzimmer.

Als was möchte Wilson später dastehen? Als der Mann, der die Zahlungsbilanz bereinigte? Das hieße an die Phantasie der Nachgeborenen arge Anforderungen stellen. Mit dem Nationalstaat werden wohl auch Währungsabsurditäten solcher Art irrelevant und unverständlich Werden. Wenn Wilson im Rückblick nichts Bleibenderes vorzuweisen hat als sechs Jahre Opfergang zum Tempel eines goldenen Kalbes namens Sterling, wird er weder als Brite noch als Sozialist in die Ruhmeshallen eingehen.

Wilson weiß das genau. Sein Bericht

"The Labour Government 1964–1970. A personal record"; Weidenfeld und Nicolson/Michael Joseph, London 1971; 836 Seiten, £ 4,80

führt zwar neben Harold Wilson sogleich das Pfund Sterling als eine Zentralfigur ein. Weil jedoch der Kampf um die Zahlungsbilanz in einem Pyrrhussieg endete – mit ordentlichen Hauptbüchern, aber verlorenem Wählerzutrauen –, hat Wilson seinen Bericht so angelegt, daß nicht nur die auf die Dollarparität bedachte Regierung deutlich sichtbar wird, sondern vor allem der beständig ringende, alle Krisen meisternde, nie aus der Fassung gebrachte Premierminister.

Von den reich beigegebenen Abbildungen ist die Karikatur kennzeichnend, die der verstorbene Vicky, überzeugter Sozialist und kein Bewunderer Wilsons, im Juni 1965 veröffentlichte. Ein kleiner Mann mit Pfeife und riesiger Balancestange wandert über ein dünnes Seil, und der schwarze Abgrund besteht aus lauter dräuenden Worten wie Rhodesien, Einwanderung, indisch-pakistanischer Konflikt und so fort. Genau das waren die Labour-Jahre: eine Gratwanderung ohne Ruhe für Regierung wie Regierte. Aus der Dynamik, die keiner wollte, eine Tugend gemacht zu haben: das stellt Harold Wilson als die Errungenschaft seiner Zeit in Downing Street hin.