Es gibt eine gut eingespielte Technik, pornographische oder sagen wir lieber "frivole" Erzählungen von einst mit Bedeutung aufzuladen, sie – zu Recht, zu Unrecht oder mit halbem Recht – mit großen Namen zu verbinden und mit serologischen Forschungen "von Freud bis Kinsey und Masters". Der Leser unterhält sich so nicht nur, mit amüsanten "Schlüpfrigkeiten", nein, er bildet sich psychologisch, sexologisch, sittenkundlich, literarhistorisch weiter. Dahinter steckt die Überzeugung, der Leser wolle durch erotische Schriften nicht nur stimuliert werden, sondern zugleich das gute Gewissen haben, seine Lektüre sei eine kulturelle Leistung, ein Bildungsgewinn. Das ist im Grunde das gleiche Verfahren wie in den betreffenden Romanen selber, wo jeweils Seele und Leidenschaften bemüht werden, bevor es zum "Eigentlichen" kommt, dessen anatomischer Sitz nicht das Herz ist.

So gab der Merlin-Verlag, als er Alfred de Mussets "anstößige" Erzählung "Gamiani" veröffentlichte – die Autorschaft ist ziemlich sicher –, in einer Beilage zu bedenken, daß "Gamiani" eine "frühe Fallstudie zum Thema Sexualität und Persönlichkeit" darstelle, "fast ein halbes Jahrhundert, bevor Freud ..." Und so weiter.

In einer der beiden Ausgaben des Mirabeau zugeschriebenen Romans "Lauras Erziehung" – nennen wir ihn einen "roman libertin", was zum erotisch philosophischen Doppelsinn der Literatur jener Zeit paßt – blickt die lesbische Lucette auf die junge erblühende Laurette – die Ich-Erzählerin – und bemerkt: "Deine Brüste sind schon gerundet und deine Kleine ist hübsch behaart und von einem bewunderungswürdigen Rot." Dazu der Kommentar der Herausgeberin: "Die Rotfärbung der Genitalzone hat die neuere Sexualwissenschaft als ein Zeichen geschlechtlicher Erregung erkannt. Sie wird durch die intensivierte Blutzufuhr bewirkt."

Dieses Zitat stammt aus der zweibändigen Ausgabe

Graf von Mirabeau: "Ausgewählte Schriften", aus dem Französischen und herausgegeben von Johanna Fürstauer; Merlin Verlag, Hamburg; zus. 1294 S., 70,– DM.

Ebenso die folgenden. Laurette rühmt die unwiderstehlichen Formen und die Haut Lucettes; dazu diese Anmerkung: "Wieder nimmt Mirabeau hier eine Erkenntnis der späteren Sexualwissenschaft vorweg: die spezifisch weiblichen Reize bilden de facto einen starken Ansporn zur Aufnahme lesbischer Beziehungen."

Nach einer Liebesszene, die mit den Worten endet: "Sie versah ihr Amt so gut, daß sich nach wenigen Momenten meine Seufzer mit den ihren mischten", fügt die Herausgeberin hinzu: "Der Autor kennt seine Materien offensichtlich sehr genau. Kinsey bestätigt in seinem Rapport ebenso wie etliche andere führende Sexualwissenschaftler, daß ..." Und so fort.