Von Werner Ross

Was gibt es Neues von den Universitäten? Man erwartet als Antwort: Ruhe – Reform – Revolution. Man erwartet nicht: die in Ruhe ausgereifte wissenschaftliche Leistung, die ganz auf den Gegenstand konzentrierte Forscherleidenschaft.

Vielleicht noch im Bereich der Naturwissenschaften; da gehören Forschung und Fortschritt zusammen, und eine breite populärwissenschaftliche Literatur vermittelt jüngste Erkenntnisse einem breiten Publikum.

Die Geisteswissenschaften haben es schwerer; sie sind der Herd der Unruhe nicht nur im politisch-administrativen Bereich. Hier wankt der Boden, nämlich die Begriffsgrundlage, das Kategoriensystem. Hier sind die Einteilungen ebenso fragwürdig wie die Methoden, hier lösen nicht nur Methoden, sondern auch Moden einander ab, Jargons greifen um sich, wer gestern heideggerte, muß heute mit Marx- und Engelszungen reden. Davon jeweils umgefärbt, aber nicht ernstlich erschüttert, läuft der wissenschaftliche Betrieb weiter – die Vorlesung, die Dissertation, die Prüfung haben ihren Charakter wenig verändert. Wenn auch die utopische Hoffnung des neunzehnten Jahrhunderts längst aufgegeben ist, aus den fleißig herangetragenen Bausteinen der Einzeluntersuchungen forme sich in unendlichem Prozeß der majestätische Bau der Wissenschaft, so werden doch weiterhin Bausteine behauen.

Gewiß ist die Spezialisierung der Gegenstände ein ebenso zwangsläufiger Prozeß wie die Verfeinerung der Methoden und die höheren Ansprüche an Exaktheit, die damit in Verbindung stehen. Der Sturm und Drang jeweils junger Generationen muß sich unter das Joch der Akribie beugen. Aber ebenso deutlich sollte man auch die Schattenseite des Systems sehen: die Scholastik, die auf ihre Art so eng und grau ist wie die des fünfzehnten Jahrhunderts, das Odium des Professoralen, das Sakralisieren der Anmerkung und des Quellennachweises, die falsche Unerschütterlichkeit, die Epochenuntergänge und neue Gesamtkonstellationen nicht zur Kenntnis nehmen will.

Hoffnung und Hilfe dagegen: die neuen Forschergenerationen der heute Dreißig-, Vierzigjährigen, die genügend Abstand von Glanz und Elend der alten deutschen Universität haben und meist internationale Erfahrung dazu. Auch die neuen Universitäten mit ihren Kernlehrkörpern und neudurchdachten Aufbauprinzipien. Dazu endlich, noch zu sporadisch, aber doch schon mit glücklichem Ergebnis, die interdisziplinäre Forschung. Anders ausgedrückt: die Einsicht, daß die Schotten-Einteilung der Wissenschaften selbst neuen Erkenntnissen im Wege steht.

Interdisziplinär arbeiten heißt nicht nur Aufhellung der Grenzgebiete, sondern ganz wesentlich: kritische Analyse der als stillschweigende Voraussetzung akzeptierten Grundbegriffe. So entsteht eine neue philosophische Grundlegung der historischen und philologischen Fächer, ähnlich derjenigen, die in den zwanziger Jahren einerseits von der sogenannten Geistesgeschichte, anderseits von der ihre ersten Triumphe sammelnden Soziologie ausging.