Erich Honecker macht sich Sorgen. Aber er will? sein Versprechen nicht einschränken, für eine schnelle Verbesserung der Versorgung einzutreten. "Der Binnenmarkt wird nicht länger das Stiefkind unseres wirtschaftlichen Aufschwungs sein. Das wird in einigen Monaten in den Laden zu spüren sein", sagte der neue Parteichef während der zweiten Tagung des SED-Zentralkomitees. Doch er fügte hinzu: "Um aber die gegenwärtigen Störungen voll zu überwinden, wird noch viel Arbeit nötig sein."

Die einigermaßen gelungene Planerfüllung in der ersten Hälfte dieses Jahres kann über die schwierige Situation der DDR-Wirtschaft nicht hinwegtäuschen. Einmal waren die Wachstumspläne etwas niedriger angesetzt als in den Vorjahren. Zum anderen ist auch der Vergleich mit dem ersten Halbjahr 1970 beträchtlich verzerrt: Damals brachte eine extrem kalte Witterung erhebliche Wachstumsverluste, diesmal ermöglichten ein milder Winter und ein trockenes Frühjahr kontinuierliche Produktion.

Das Wetter, die große Unbekannte in allen Wirtschaftsplänen, durchkreuzte erst im Sommer alle Vorausberechnungen. Die lange Trockenheit läßt eine Ernte erwarten, die mindestens zwanzig Prozent unter den Planansätzen liegt: Die Getreideernte war mäßig, die Kartoffel- und Rübenerträge sind schlecht. Nun muß die DDR Futtermittel importieren, denn – so Honecker – es ist "ein dringendes Interesse, die Tierbestände nicht zu verringern, um die Grundlagen der landwirtschaftlichen Erzeugung für die Zukunft nicht zu beeinträchtigen". Da sich die DDR mit Importen in diesem Jahr zurückhalten wollte, um ihre Handelsbilanz ins Gleichgewicht zu bringen, stören die notwendigen Futtereinfuhren auch den Außenhandelsplan. Sie gehen wahrscheinlich zu Lasten der Einfuhr von Rationalisierungsmitteln.

Aber nicht nur diese unvorhergesehenen Unbilden machen es der Partei und der Regierung schwer, ihre Versprechungen schnell einzulösen. Zuviel ist in den vergangenen Jahren gesündigt worden. Man werde, wie Honecker darlegte, noch mehrere Jahre brauchen, um die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. "Kurz gesagt: Die Energie-, Material- und Arbeitskräftebilanz geht noch nicht auf. Die Disproportionen in unserer Wirtschaft bestehen noch. Sie wirken in die Versorgung der Bevölkerung und in viele Produktionsbereiche in beträchtlichem Maße störend hinein ... Solche volkswirtschaftlichen Fragen sind nicht von heute auf morgen zu lösen, auch nicht in Wochen und Monaten. Einen neuen Braunkohletagebau aufzuschließen, ein Kraftwerk zu errichten, neue Kapazitäten für die Zulieferproduktion zu schaffen – das alles braucht Zeit."

Erich Honecker erkennt wohl deutlicher als bisher, daß es zwar schön klingt, wenn der Bevölkerung rasche Verbesserungen versprochen werden, daß man aber über der täglichen Kleinarbeit, wie er sagt, "nie die Perspektive aus den Augen verlieren darf. Natürlich kann und muß vieles schnell verändert und verbessert werden. Manches ist auch schon geschehen. Generell aber haben wir uns auf eine langfristige und zielstrebige Arbeit einzustellen".

Das heißt, die SED und ihre Wirtschaftsfunktionäre sollen nun nicht in das andere Extrem verfallen und nur noch die täglichen Schwierigkeiten provisorisch überwinden, während sie unter Ulbricht vor allem an langfristige Utopien gewöhnt waren.

Zu den Dingen, die nach Honeckers Antritt schnell geändert wurden, gehört die Einstellung zu Ulbrichts Neuem ökonomischen System, soweit es in seiner verwässerten Form noch existierte. Die seit langem erkennbare Tendenz, von der Ausbildung funktionsfähiger Modelle wieder zur bürokratischen Administration in der Wirtschaft zu kommen, ist jetzt auf der Tagung des Zentralkomitees offiziell bestätigt worden.