Von Carl Schmidt-Polex

Weiden/Oberpfalz

Nach der Predigt waren sich die geistlichen Herren der neun Kirchen in dem oberpfälzischen Städtchen Weiden protestantische einma einig. Katholische und protestantische Pfarrei forderten die Kirchgänger am aufliegende Sonntag auf, ihre Unterschrift in aufliegende Lister einzutragen. "Den Unterzeichneten" so formulierten die Initiatoren dieses oberpfälzischen Referendums, "liegt daran, daß Weiden den Ruf als wirtschaftliches Zentrum der Nordoberpfalz behält und nicht zum erotischen Mittelpunkt dieses Gebietes wird". Nur knapp 3400 fromme Weidener setzten ihre Unterschrift unter die Listen, die verhindern sollen; daß Weiden (44 000 Einwohner) zum "Sündenbabel" wird.

Schuld an allem ist ein gewisser Walter Klankermeier, 31 Jahre alt, gebürtiger Augsburger und über den lohnenden Umweg Chicago nach Weiden gekommen, um "Städtern und denen aus dem Umland" zu bieten, was sie bisher, so die lokale Frankenpost, nur aus einschlägigen Filmen und Pornoheften kannten. Als Pächter der "Fortuna-Bar" läßt er seit Januar heißen Strip produzieren und die Puppen tanzen. "Die Mädchen entblättern sich total" meldete, der Chronistenpflicht nur unvollständig genügend, die Frankenpost, "und exerzieren mit diversen Utensilien Sex-Unterricht in natura". Die braven Bürger aber schliefen nicht, und auf ihre Aufforderung hin wurde die Stadtverwaltung aktiv. Über nacht wurde Klankermeier die Konzession entzogen. Das Ordnungsamt monierte, daß sich gelegentlich gar ein Pudel zwischen den fälligen Stripperinnen amüsierte. Dazu ein Sprecher der "Fortuna-Bar": "Unsere Mädchen arbeiten sonst mit Affen und Papageien. In Mönchengladbach haben sie sogar kürzlich einen Schimmel auf die Bühne getrieben. Und hier wird ein kleiner Pudel zu einer Affäre".

Klankermeier überstand die Affäre vor dem Regensburger Verwaltungsgericht glänzend: Er erhielt seine Konzession zurück. Er ließ in die umliegenden Zeitungen Inserate einrücken: "Sollten sie aus moralischen Gründen oder wegen ihres Image nach außen hin es nicht verantworten können, so bleiben sie der Fortuna-Bar fern. Alle modern eingestellten Menschen heiße ich auf das aller Herzlichste willkommen."

Und sie kamen in Scharen. Modern eingestellte Mitbürger, aber auch weniger Moderne. "Wir fühlen uns veranlaßt, etwas zu tun, wenn einePerson wie Klankermeier mit der öffentlichen Darbietung von Perversionen und Sauereien die oberpfälzischen Bauern ausnimmt". Diesen Satz sprach Franz Hammer aus, Geschäftsmann aus Weiden und CSU-Ortsvorsitzender. "Als verantwortungsvoller Katholik kann ich so etwas nicht dulden." Er räumt ein, er habe erst dann seiner moralischen Entrüstung eine Initiative folgen lassen, als eine Hamburger Sex-Illustrierte ("Sie wurde mir von unbekannter Seite zugespielt") sich in Wort und Bild mit denStripperinnen nebst Pudel auseinandergesetzt hatte. "Kompetente Leute aus Nürnberg und München" so Hammer heute, "bestätigten mir, daß sie derartige Perversionen noch nie gesehen hätten".

Eine Unterschriftenaktion der Bürger sollte den Eindruck verwischen helfen, daß es in Weiden ‚koa Sünd net gibt‘. Ein Protestschreiben an die Stadt Weiden, unterzeichnet von Franz Hammer und CSU-Stadtrat Oskar Rauch, beklagt "die Darbietungen, die nach unserer Meinung alle Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung zumindest andeuten, wenn nicht sogar vollziehen". Und weiter: "Sie sind nicht nur geeignet, die Besucher ungünstig zu beeinflussen, sondern machen Weiden in der Oberpfalz darüber hinaus in der näheren Umgebung als ,Sündenbabel‘ berühmt."