Bundeskanzler Willy Brandt beruhigte die 1300 Zuhörer beim Gewerkschaftskongreß der IG Metall in Wiesbaden: "Es wird – soweit der Einfluß der Regierung reicht – keine Stabilisierung auf dem Rücken der Arbeitnehmer geben." Die Furcht angesichts der bevorstehenden Metall-Tarifrunde, ihre Führer könnten sich durch wirtschaftliche Daten aus Regierungstreue von der ursprünglichen Lohnforderung (neun bis elf Prozent mehr) herunterhandeln lassen, hatte ohnehin "an der Basis" Radikalisierungs-Tendenzen aufkommen lassen, die in den Funktionären Erinnerungen an die wilden Streiks vor zwei. Jahren aufkeimen ließen.

Die Vermutung, daß es auf dem Kongreß auch zu innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung kommt, bestätigte sich denn auch bereits am ersten Tag. Nur gegen eine starke Opposition (265 gegen 187 Stimmen) wurde die Geschäftsordnung angenommen, die vorsieht, daß zuerst Entschließungen und Anträge des Vorstandes beraten werden sollen. Dadurch nämlich wurde ein Großteil der 1238 gestellten Anträge und 17 Entschließungen der "unteren Ebenen" erledigt. Wichtigster Komplex: Sozialisierung der Schlüsselindustrien, wie Bergbau, Eisen und Stahl, Großchemie, Energie-, Verkehrs- und Kreditwirtschaft.

Auch sonst war die Spitze der großen Einzelgewerkschaft auf? Mäßigung bedacht. Um Radikalen erst einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte Vize-Vorsitzender Eugen Loderer gleich zu Beginn starke Vorte gefunden. Seit Bestehen der Bundesrepublik, so Loderer, hätten sich die Gewerkschaften darauf beschränkt, "die überlieferte Gesellschaftsstruktur lediglich auszubessern". Notwendig seien nun aber durchgreifende Reformen, die durch "die konservative Gesinnung verantwortlicher Kräfte und durch die Rücksichtnahme auf Machtgruppen innerhalb der Unternehmerschaft verhindert wurden, denen sich frühere Regierungen weit mehr verpflichtet fühlten als den Gewerkschaften".

Eines stand schon vor Beginn des Kongresses fest: Otto Brenner, der Vorsitzende der IG Metall, der sich am Samstag zur Wiederwahl stellt, wird auf weitere drei Jahre an der Spitze der Metaller stehen. bke