Die Gefahr ist gebannt, daß es dem Jungfaschisten Viktor Gislo für seine Brandt-Ohrfeige so ergehen könnte wie vor drei Jahren Beate Klarsfeld, als sie Kurt Georg Kiesinger ins Gesicht schlug. Ein an Standrecht gemahnendes Schnellverfahren wie seinerzeit in Berlin (ein Jahr Gefängnis, sieben Stunden nach der Tat verhängt) findet nicht statt. Dennoch hat die Münchner Staatsanwaltschaft gut daran getan, Ermittlungen ohne Rücksicht darauf einzuleiten, daß der Kanzler offenbar keinen Strafantrag stellen will. Die Tat bleibt strafwürdig, auch wenn der Betroffene dem Täter verzeiht. Zwar ist nicht die "Staatsräson" verletzt, wohl aber der demokratische Konsens, wonach politische Meinungsverschiedenheiten ohne Gewalt auszutragen sind.

Mancherorts klang freilich der Aufschrei der Entrüstung über den Münchner Zwischenfall merkwürdig hohl, war der Ruf nach Strafe so schrill, wie ihn nur ein Dieb ausstößt, der damit die Aufmerksamkeit von sich ablenken möchte. Den Scharfmachern, die seit langem Demagogie und politische Verleumdung in den Dienst ihres Kampfes gegen die sozialliberale Regierung gestellt haben, mußte der Schlag in das Gesicht des Kanzlers als handgreifliche Konsequenz ihrer Verhetzungstaktik erscheinen. Nicht zu Unrecht.

Wer den politischen Gewaltverzicht fordert, ist ein Heuchler, solange er zugleich das Ressentiment und den Haß in primitiven Gemütern anstachelt. Zwischen legitimer, scharf artikulierter Opposition gegen eine Politik, die die Opponierenden für falsch halten, und politischer Tiefschlagtaktik ist sehr wohl zu unterscheiden. Die Geschichte der Weimarer Republik liefert uns dafür genügend Anschauungsmaterial. Den Schlägern wird allemal von Schreibern und Schreiern das Klima bereitet. H. Sch.