Von Heinz Josef Herbort

Fünf Musiker in blutbeschmierten weißen Kitteln sitzen im Zentrum der Bühne, der Bratschist humpelt mit Gipsbein und Krücke herein: Die berühmte alte Besetzung von Schönbergs "Pierrot Lunaire" symbolisiert diesmal eine moribunde Ästhetik. Links auf einer Art Balkon tragen fünf Blechbläser Montagehelme wie Bauhandwerker: Ihre improvisatorisch freien Eskapaden wie die messerscharfen Akkorde sind, so soll jeder sehen, harte "Arbeit". Im Hintergrund auf einem Podium die pinkfarben angeleuchtete Free-Jazz-Gruppe von Gunter Hampel: Sie personifiziert einen jugendlich-futuristischen, aber nichtsdestoweniger esoterischen Klüngel. Rechts im Vordergrund betrommelt und bepaukt ein Schlagzeuger im Overall und mit Ballonmütze (der Japaner Stomu Yamash’Ta) den Wohlstandsmüll unserer Tage, poppig bemalte Autowrackteile, und bläst zwischendurch elegische Töne auf der Mundharmonika. In ihrer aller Mitte singt, flüstert, schreit, gestikuliert, liest, tanzt, fällt, entfaltet einen Stadtplan, entblößt seinen Oberkörper und ruht sich aus in einem Ohrensessel ein Bariton (William Pearson), betraut mit einer Vokalpartie zwischen extrem tiefen und noch extremer hohen Tönen.

"Show für 17" nennt Hans Werner Henze im Untertitel dieses sein jüngstes Werk, das die Deutsche Oper Berlin als ihren Festwochenbeitrag zum erstenmal in Deutschland zeigt; eigentlich ist es eher ein szenisches Konzert, ein Stück musikalischen Theaters oder, besser noch, eine mit Gesten und Gängen angereicherte Kantate. Hat Henze damit endlich die von ihm und uns gesuchte musikalische Ausdrucksform der jungen Linken gefunden? Ist dies die Musik für die Arbeiterklasse? Eine Station auf dem langen Marsch? Singt so die revolutionäre Bewegung?

"Der Revolution geht es gut", heißt es im Text. Erfreulich zu hören. "In diesen Zeiten ist sie ein wenig fett geworden." Nanu, und woran? Ist das Ziel also doch noch nicht erreicht? "Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer" heißt Henzes Show. Henzes langwieriger Weg? Vermutlich. Und nicht nur der seine.

Der Text stammt von Gaston Salvatore, einem dreißigjährigen Chilenen, der an der Freien Universität Berlin Soziologie studierte und im Schatten von Rudi Dutschke zu den Wortführern einer sich aktivierenden studentischen Linken zählte. Bei ihm ist viel und oft die Rede von Müdigkeit und Irrfahrten, von Treibjagd und schwachen Kräften, von Verzweiflung und Einsamkeit und Angst und Schlußmachen. Die "Exkurse" überschriebenen Abschnitte zählen die jeweiligen "Rückkehrversuche". Ist "Natascha" ein Selbstporträt? Hat Salvatore – hat Henze resigniert?

Natascha ist ein romantisch verspieltes junges Mädchen, das Männer mit Revoluzzerhabitus liebt, dem aber die Konsequenz nicht geheuer ist: Natascha personifiziert die Angst vor der revolutionären Praxis. In ihr Haus in Berlin-Kreuzberg flüchten sich die Ermüdeten, die Halbentschlossenen, die Fußkranken einer politischen Emanzipation. Natascha ist damit eine, wie Salvatore sagt, "Sirene einer falschen Utopie", die Prophetin, die den falschen Glauben verkündet, es könne jemand sich mit der Revolution identifizieren, ohne am Klassenkampf aktiv teilzunehmen. Wer früh genug die Wahrheit erkennt, macht halt und geht zurück auf die Straßen von Charlottenburg.

Also ein Autopsychogramm, aber nicht das eines Resignierenden. Hier prüft jemand in einer Art Zwischenbilanz den zurückgelegten Weg, die Fortschritte, aber auch die ständigen gefährlichen Versuchungen, in die weit bequemere Bourgeoisie zurückzufallen – eine Reflexion also des intellektuellen Linken, der sich immer wieder vor dem Zurückgleiten in die "Scheißliberalität" zurückreißen muß. Auch dieser Weg ist langwierig.