Egab nur wenige Fragen, über die sich alle Vertreter der 118 Nationen, die nach Washington geeilt waren, um in der US-Metropole über das Wärungsdilemma zu palavern, wirklich einig waren. Doch zumindest in einem Punkt herrschte weitgehende Übereinstimmung: Schuld an all dem Ärger mit dem Geld haben die bösen Spekulanten und nicht etwa unfähige Politiker.

In ähnlicher Form war schon während der Krisen, die das Pfund und den Franc erschütterten, der Sündenbock diagnostiziert worden. In der jüngsten Dollarkrise verkündete Amerikas Richard Nixon seinem Volk, er werde es zu verhindern wissen, daß "der Dollar je wieder zur Geisel in den Händen der internationalen Spekulation" werde. Er übersah dabei nur, daß der Ärger gerade darin bestand, daß niemand mehr den Dollar haben wollte – weder als Zahlungsmittel noch als Geisel.

Doch was heißt schon Spekulation? In normalen Zeiten versuchen berufsmäßige Händler an den Devisen- und Wertpapiermärkten, die täglichen Kursschwankungen für ihre Geschäfte auszunutzen. Sie kaufen Devisen oder Aktien, Anleihen oder Rohstoffe, wenn – oft durch rein zufällige Einflüsse – der Kurs fällt, und verkaufen, wenn aus ähnlichen Gründen die Preise anziehen. Das führt in normalen Zeiten im Endeffekt zu nichts anderem als zu einer Stabilisierung der Kurse.

Erst dann, wenn es zu fundamentalen Ungleichgewichten kommt, kann die Spekulation als Verstärker wirken. Wenn beispielsweise eine Währung so stark unter- oder überbewertet ist, daß es über kurz oder lang zu einer Auf- oder Abwertung kommen muß, beschleunigt die Spekulation den Prozeß. Doch jetzt sind es nicht mehr nur die berufsmäßigen Händler, die sich an dem Spiel beteiligen. Ein amerikanisches Unternehmen beispielsweise, daß in der Bundesrepublik Maschinen, bestellt hat und in wenigen Wochen bezahlen muß, ist es in einer solchen Situation seinen Aktionären schuldig, den notwendigen Dollarbetrag so rasch wie möglich in Mark umzutauschen – nämlich so lange die Mark noch billig ist.

Dadurch, daß die "bösen Buben" der Währungsordnung, die Spekulanten, vorhandene Mängel und Ungleichgewichte mit "Verstärker" zur Geltung bringen, zwingen sie die Politiker schließlich zum Handeln. Ohne diesen Effekt hätten die USA die Privilegien, die der Dollar als Leit- und Reservewährung der westlichen Währungsordnung genoß, noch lange zu ihrem Vorteil ausnutzen können.

Im Ostblock, wo der Rubel und mit ihm die UdSSR auf Kosten der kleineren Länder noch viel größere Vorrechte genießen, ist jede Art von Spekulation unmöglich. Dort können die Politiker deshalb auch ökonomisch widersinnige und ungerechtfertigte Entscheidungen erzwingen, ohne fürchten zu müssen, daß "Spekulanten" die Fehler und Schwächen der Konstruktion erkennen und dagegen anrennen.

Man hat die internationalen Spekulanten – oder was dafür gehalten wird – gelegentlich abwertend, als die "Aasgeier der Wirtschaft" bezeichnet. Bei genauer Betrachtung ist dies Bild nicht einmal, so falsch: Geier stürzen sich auf alles, was zu verfaulen droht. Sie sind damit in der Wirtschaft ebenso nützlich wie in der Natur. mj