Rellingen

Wenn es eine "große" Leiche gab, dann war der etwa dreißig Quadratmeter große Altarraum so voll von Blumen und Kränzen, daß der Pastor nicht am Sarge sprechen konnte. Oft lag auch der Mittelgang der Kirche voller Kränlag dreihundert sollen es einmal gewesen sein. Und ein anderes Mal steigerte sich die Prachtentfaltung zu einem drei Meter hohen Blumenkreuz, das an Flaschenzügen dort hochgehievt worden war, wo später unter der Blumenfülle der Sarg vermutet werden konnte.

Soviel Pomp mißfiel einem der beiden Pastoren der Kleinstadt Rellingen (16 Kilometer nordwestlich von Hamburg). Dem Pastor mißfiel vor allem, daß er wegen der Blumenpracht hoch von der Kanzel herab sprechen mußte – fern vom Toten und seinen Hinterbliebenen. Deswegen protestierte er gegen die Blumen. Und damit setzte er sich gewissermaßen in die Nesseln.

Denn Rellingen liegt in einem Gebiet, das im Baedeker "Wiege des deutschen Waldes" genannt wird, und wo etwa 1500 Baumschulen und Rosenkulturen die Wiege des Wohlstands darstellen.

Pastor Fiss hat nichts gegen Blumen und Kränze, aber er meint, daß für ihn ein Plätzchen neben dem Sarg freibleiben müßte. Deshalb schlug er vor, den Blumen- und Kranzschmuck im engen Altarraum in Grenzen zu halten und die übrige Pracht im Turmvorraum und rings um das Oktogon der um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erbauten Kirche mit dem alten romanischen Turm auszubreiten.

Das nun gab einen Sturm in der kleinen Stadt, und der Pastor wurde mündlich und schriftlich angegriffen, oft natürlich anonym. Etliche – vor allem Gärtner, Blumenhändler und Beerdigungsunternehmer – wünschten den Pastor dahin, wo der Pfeffer wächst oder vielmehr einfach nach "drüben": "Sehen Sie sich doch hinter den Eisernen Vorhang um, da können Sie sehen, wohin die Gleichmacherei führt!"

Pastor Fiss sagt, er bekomme seine Direktive! nicht von Karl Marx, sondern aus der Bibel. Und auch: "Wenn nicht die Kirche ein soziales Woit sprechen soll, wer dann?" Und es gab auch Beifall für ihn: "Endlich einmal einer..." Und: "Sie leisten Pionierarbeit..." Und auch unter den Beerdigungsunternehmern und Blumenhändlern fanden einige des Pastors Bedenken berechtigt.