Paris, Anfang Oktober

Der französische Staatspräsident Pompidou hat in seiner Pressekonferenz die Bonner Ostpolitik nicht nur "schwierig und mutig" genannt. Er hat auch "der Bundesrepublik eine ungewöhnliche Zahl süßsaurer Bemerkungen gewidmet" – mit diesen Worten setzte Le Monde etwas erstaunt den eigenen Eindruck der Tatsache gegenüber, daß sich der Bundeskanzler prompt bei Pompidou bedankt hatte. Wollte Brandt etwa, so fragt man sich in Paris, auf einen Schelmen anderthalbe setzen?

Süßsauer war Pompidous Bedauern: Man hätte besser unterrichtet werden können – "aber schließlich auch aus Moskau". Dann die Bemerkung zum Bonner Emanzipationsbedürfnis: Frankreich habe dafür vielleicht das Beispiel geliefert. Aber es habe auch erfahren müssen, wie schwer es manchmal sei, die Hände freizubekommen.

Ausgesprochen sauer sollte die Feststellung schmecken, die Bundesregierung habe vorübergehend versucht, die Berlin-Frage allein mit innerdeutschen Gesprächen zu lösen. Und Vorwiegend sauer wurde die Belehrung serviert: Frankreich habe etwas weniger wirtschaftliches Gewicht, aber es habe sich ein gewisses politisches und moralisches Prestige zu wahren gewußt.

Dann gab es die Bemerkung über die DDR: Frankreich habe sich mit der Anerkennung "bisher" nur aus Freundschaft gegenüber Bonn zurückgehalten. Darin wollten, wie auf Stichwort, alle Pariser Kommentatoren eine Warnung an Brandt sehen. Aber das erscheint absurd. Frankreichs moralisches Prestige gestattet ihm einfach nicht, Erich Honecker gegen Willy Brandt auszuspielen.

Ernst Weisenfeld