Warum tritt in Japan der Magenkrebs wesentlich häufiger auf als in allen anderen Teilen der Welt? Dies fragen sich Krebsforscher – bislang vergeblich – schon seit Jahrzehnten. Nur eines steht zur Zeit fest: Eine genetische Disposition der Söhne Nippons für diesen Karzinomtyp ist ausgeschlossen. Denn Angehörige dieses Volkes, die in anderen Ländern – etwa in den USA leben und sich den dort üblichen Lebensgewohnheiten angeglichen haben, sind nicht mehr magenkrebsgefährdet als die Bewohner des Gastlandes.

Naturgemäß vermutet man das kanzerogene Agens in der Nahrung. So sind denn schon der grüne Tee, der vergleichsweise geringe Fettkonsum der Japaner, die auf vulkanischen Böden gezogenen Gemüse, der in Japan so beliebte Geschmacksverstärker Natriumglutamat, bestimmte Fische und andere Besonderheiten der japanischen Diät in den Verdacht geraten, am vermehrten Auftreten des Magenkrebses schuld zu sein. Alle diese Vermutungen freilich erwiesen sich als nicht haltbar.

Jetzt verfolgt der kalifornische Wissenschaftler R. R. Merliss eine neue Spur, und wie es nach seinem Artikel in der Wissenschaftszeitsdrift "Science" (17. September) scheint, eine vielversprechende. Japaner fügen dem Reis beim Polieren Talk zu. Sie glauben, daß die Beschichtung des Reiskorns mit diesem Mineral die natürliche Würze des Nährmittels erhält. Tatsächlich gilt japanischer Reis als sehr schmackhaft.

Talk – auch Talcum, Speckstein oder Gleitpulver genannt – ist aber stets mit dem ihm sehr nahe verwandten Asbest verunreinigt. Und vom Asbest weiß man seit langem, daß er Krebs, insbesondere auch Magenkrebs, hervorruft. Überdies ist bekannt, daß ältere Arbeiter in Tilkfabriken ähnlich den Asbestarbeitern erhöht anfällig für Lungenkrebs sind.

Merliss untersuchte Talk, der für die japanische Reisbearbeitung vorgesehen war, unter dem Mikroskop und fand zwischen den Talkteilchen die für Asbest charakteristischen Fasern. Der Forscher errechnete daraufhin den Asbestanteil im kommerziell hergestellten Talkpuder und befand: Er beträgt immerhin zwischen acht und dreißig Prozent.

Mit dem Reis also nehmen Japaner eine Substanz ein, die nachweislich kanzerogen wirkt, vor allem an der Mageninnenwand. Tatsächlich kommt der Magenkrebs am häufigsten in den Gebieten Japans vor, in denen besonders viel Reis gegessen wird. Auch erkranken Japaner, die zu jeder Mahlzeit Reis verspeisen, mit größerer Wahrscheinlichkeit an dem Karzinom als ihre Landsleute, die nur einmal am Tag Reis zu sich nehmen. In anderen orientalischen Ländern, in denen ebenfalls viel Reis konsumiert wird, tritt Magenkrebs nicht vermehrt auf – bei den dort lebenden Völkern ist es aber auch nicht üblich, dem Reis bei der Bearbeitung Talk zuzusetzen.

Das alles spricht dafür, daß Merliss eine heiße Spur gefunden hat. Allerdings: Magenkrebs kommt, wenn auch nicht so, oft wie in Japan, so doch ebenfalls häufig in Chile, Finnland und Island vor, wo getalkter Reis nicht Nationalgericht ist. -ow