Von Karl-Heinz Wocker

London, im September

Irgendwann nach dem 9. September müssen den distinguierten Herren des britischen Geheimdienstes die Augen übergegangen sein. Der Spion, der da aus der Kälte des KGB gekommen und zum mehr behaglichen British way of life übergelaufen war, hatte nicht nur die üblichen fünf oder zehn Angaben mitgebracht, über die ein Abschirmdienst normalerweise schon hochzufrieden ist. Der Mann, derzeit immer noch ein Mister X ohne Gesicht und Namen, packte vielmehr seiner gründlich aus, daß die politische Dimension seiner Enthüllungen sogleich klar wurde.

Dennoch hätte die britische Regierung mit den ihr willkommenen Kenntnissen noch eine Weile hinterm Berge halten und die Kontaktleute all der erwähnten Sowjetspione beobachten können, wäre nicht durch den politischen Redakteur der Londoner Evening News, John Dickinson, der Stein ins Rollen gekommen. Dickinson berichtete am Freitagmorgen voriger Woche ausführlich über den KGB-Beamten, der ins britische Lager gewechselt sei. Manche Leser hielten das zuerst für eine reichlich phantastische Story und arg-Londoner da wolle sich die größere der beiden Londoner Abendzeitungen wieder auf dem Markt etablieren, nachdem sie tags zuvor beim Rennen darum, wer als erster nach dem Zeitungsstreik wieder auf der Straße sein werde, gegen den kleineren Evening Standard so kläglich verloren hatte. Aber es war mehr als das.

Die Regierung entschloß sich, statt einer halben Bestätigung gleich die ganze Geschichte zu geben. Länger zu warten hätte den Verlust eines wertvollen Pfandes bedeutet. Sobald die Meldungen über den Überläufer erst einmal bekannt waren, würde die Sowjetbotschaft mit dem Repatriieren aller exponierten Landsleute beginnen. Bei dem rapiden Umschlag an Diplomaten und Angehörigen der Handelsmission sowie mehrerer staatlicher Organisationen, die Büros in London unterhalten, wäre binnen kurzem von den 105, die mit Hilfe von Mister X auf die schwarze Liste gerieten, keiner mehr in Großbritannien gewesen.

Sie auszuweisen wollte sich aber die Regierung ungern entgehen lassen. In Whitehall war man seit langem verärgert über die tauben Ohren der Moskauer Zentrale. Zweimal hatte Außenminister Sir Alec Douglas-Home an Andrej Gromyko geschrieben und gegen die Zunahme der Industriespionage in England protestiert. Die Sowjets bestätigten nicht einmal den Eingang dieser Briefe. Sie hielten es offenbar nicht für ungewöhnlich, daß sie bei der Zahl ihrer Vertreter in London in den letzten Jahren alle vernünftigen Proportionen außer acht gelassen hatten. 1950 lag die Zahl bei 138, zehn Jahre später war sie auf 249 gestiegen, in diesem Sommer aber erreichte sie 550, und das bei einem spürbaren Stagnieren, ja einem leichten Rückgang des britisch-sowjetischen Handels.

Die 550 waren nicht etwa alle mit einem Diplomatenpaß gekommen. Da das Foreign Office aus Gründen der Balance die Zahl der sowjetischen Botschaftsangehörigen seit einiger Zeit auf 80 limitiert hat – in der Botschaft in Moskau arbeiten 78 Briten, davon 40 mit diplomatischem Status –, wichen die Russen auf andere Gebiete aus. Ihre Handelsmission in London schwoll auf 120 Personen an. Das Gebäude, in dem sie sich befinden, liegt im Stadtteil Highgate, unweit des Grabes von Karl Marx. Es genießt nach dem britisch-sowjetischen Handelsabkommen von 1934, das den Hitler-Stalin-Pakt und den Koreakrieg überdauerte, den Schutz diplomatischer Immunität, obwohl von den dort Beschäftigten nur drei als Diplomaten gelten.