Von Kurt Wendt

In den Börsensälen knistert es. Gerade als der Aktienindex einen neuen Jahrestiefstand ansteuerte, begannen die Aktienkurse wieder zu klettern. Kreditinstitute, die in den Wochen vorher ihre eigenen Effektenbestände vermindert hatten, weil sie meinten, in den Herbstwochen, bares Geld in der Kasse haben zu müssen, füllten, vorsichtig ihre dezimierten Bestände wieder auf. Auch Investmentfonds, ebenfalls durch Abgaben, recht liquide geworden, waren plötzlich wieder auf der Käuferseite. Sogar aus dem Ausland kamen für deutsche Aktien einige Kaufaufträge.-

Die Stimmungswende kam völlig überraschend. Ob sie länger anhalten wird, ist auch noch heiß umstritten. Zu einer einheitlichen Meinungsbildung langt es selbst in den einzelnen Instituten nicht. So schreibt die Dresdner Bank am 24. September ihrer Kundschaft: "Die Unsicherheitsfaktoren dominieren und werden – aus heutiger Sicht – vorerst kaum an Gewicht verlieren. Der Zeitpunkt für eine nachhaltige Tendenzwende am deutschen Aktienmarkt ist noch nicht zu sehen."

Einen Tag vorher hatte Herbert Henzel, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, einen anderen Standpunkt vertreten: "Auf der Basis der gegenwärtigen Kurse ist es durchaus interessant, sich am deutschen Aktienmarkt zu engagieren." Die Börse hat nach Henzels Ansicht die angekündigten Dividendensenkungen bereits in den Kursen zum Ausdruck gebracht und sei nur noch einmal durch die Währungssituation ins Rutschen gekommen.

Aber es sind nicht die langfristigen Betrachtungsweisen, die zur besseren Börsenstimmung geführt haben. Im Vordergrund steht die Hoffnung, daß der Zentralbankrat am 13. Oktober, also nach Abschluß der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF), seine bisher harte kreditpolitische Linie, überprüfen wird. Das hat jedenfalls Bundesbankpräsident Karl Klasen zugesagt, bevor er zur IWF-Tagung nach Washington abflog.

Der Sprecher der Dresdner Bank, Jürgen-Ponto, stieß sofort nach. Er bezeichnete eine Lockerung der Kreditpolitik als überfällig und meinte, daß eine Senkung des Diskonts und der Mindestreserven unter den jetzigen Umständen kein Signal für eine Expansion mehr sein könne. Auf der anderen Seite würde aber eine Zinssenkung um ein halbes Prozent dazu beitragen, einen weiteren Kapitalimport abzuwehren.

Damit berührte Ponto einen wunden Punkt. Denn trotz der "teuer" gewordenen Mark, halten Ausländer Anlagen in Mark noch immer für "interessant" – nicht nur vegen des attraktiven Zinses. Eine Rolle spielt auch, daß fast alle Kapitalmärkte der Welt sich gegen einen Zustrom von draußen mit mehr oder weniger dirigistischen Mitteln abschirmen. Nur der deutsche Markt steht aller Welt noch offen. Kein Wunder also, wenn die Mark zeitweise gegenüber dem Dollar einen Aufwertungssatz von elf Prozent erreichte, obwohl die Bundesbank schüchtern zu intervenieren begann.