Von Hayo Matthiesen

In der "Grundschule III" am Rande der Frankfurter Nordweststadt, der berühmten Satellitenstadt in der Mainmetropole, war es so: Zum Beginn dieses Schuljahres standen 150 ABC-Schützen vor der Tür. Für Rektor Herbert Loos bedeutete das: insgesamt 320 Schüler, aber nur acht Lehrer. Loos: "Eine im Grunde unverantwortliche Situation." Er hätte acht Klassen mit je vierzig Schülern vollstopfen müssen, wenn er nicht noch rechtzeitig – sechs pädagogische Mitarbeiter aus der "Aktion kleine Klasse" erhalten hätte. Mit ihnen konnte Herbert Loos elf Klassen zu 28 Kindern einrichten: "Ohne die AKK hätte es sehr traurig ausgesehen."

In der "Albert-Schweitzer-Schule" auf dem Frankfurter Berg war es so: Dort forderten zu Beginn des letzten Schuljahres achtzig Sechsjärige Einlaß. Die Rektorin Inge Kähling hatte nur Lehrer für zwei Klassen zu vierzig Schülern. Auch ihr halfen drei AKK-Lehrer aus der Notlage; durch sie konnte Inge Kähling drei Klassen mit nur 27 Kindern bilden: "Ohne die Aktion wäre ich in einer ganz schwierigen Situation gewesen."

Schwierig war die Lage für alle Leiter von Grund- und Hauptschulen in Frankfurt bis zum Sommer letzten Jahres: Viel zu viele Schulanfänger – viel zuwenig Lehrer. Allen verhalf die Aktion kleine Klasse in den ersten Schuljahren zu wirklich kleinen Klassen. Diesmal ("Come back ‚kleine Klasse‘") wurden bis jetzt 176 zusätzliche Pädagogen mit zusammen 1473 Stunden an die Schulen vermittelt. Der Erfolg: In den meisten ersten Klassen sitzen nicht mehr als 25 Schüler.

Als die Aktion im Schuljahr 1970/71 anlief, war sie eines der interessantesten pädagogischen Experimente in der Bundesrepublik. Es war der Versuch, unkonventionell und unbürokratisch Mitarbeiter für das erste Schuljahr zu gewinnen.

Dieses Jahr wurde das Unternehmen mit großem Erfolg wiederholt. Aus dem Experiment wurde ein Modell, das in jeder Stadt anwendbar ist, in der verantwortliche Politiker nicht nur über den Lehrermangel schwatzen, sondern etwas gegen ihn unternehmen wollen. Frankfurts Schuldezernent Professor Peter Rhein verkauft die Maßnahme zu Recht mit einem eingängigen Slogan: "Die Aktion kleine Klasse ist inzwischen große Klasse."

Was sie für die ersten Schuljahre bewirkte, ist einzigartig im Bundesgebiet. Durchschnittlich hocken 36 Schüler in einer Grundschulklasse (in Finnland sind es 18, in Schweden 16), die Spitze liegt über 60. Nur 1,5 Prozent aller ersten Klassen erhalten so viel Unterricht, wie ihnen zusteht; 96 Prozent aber lernen viel zuwenig: "Bei ihnen wird dem einzelnen Kind Unrecht angetan", urteilt der Frankfurter Grundschulpädagoge Professor Erwin Schwartz, Direktor des Seminars für Grundschuldidaktik an der Frankfurter Universität, "hier wird soziale Ungerechtigkeit ausgeübt."