Otto F. Beer: "Bummel durch Wien", mit Farbphotos von Robert Löbl. Daß einem Wort Metternichs zufolge in dem Wiener Vorort Erdberg bereits der Orient beginne, bietet dem Autor Anlaß, dem Abseitigen, Skurrilen, Versponnenen an Wien nachzugehen. Er weist etwa nach, daß ein Nationalheiligtum wie das Wiener Schnitzel in Wahrheit ein byzantinisches Schnitzel ist und daß es in Österreichs Geschichte nichts wirklich Wichtiges gegeben habe, bei dem nicht die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule auf entscheidende Weise mitgewirkt haben. Wien liegt – so erfahren wir – nicht an der Donau, auch nicht an der Wien, sondern an der Oper: Um sie herum dreht sich die Stadt im geographischen wie im künstlerischen Sinn. Beer meint auch, die Behauptung, man könne die Wiener nicht ernst nehmen, hätten die Wiener selber in Umlauf gesetzt, um ernst genommen zu werden. Deshalb sei man in dieser Stadt darauf aus, das Quantum Arbeit, ohne das es im Leben nun einmal nicht geht, zu vertuschen, lieber ein "heimlicher Arbeiter" zu sein, in der Genieklasse der österreichischen Musik sowohl wie beim simplen Herrn Jedermann. In diesem Streifzug wird auch von dem österreichischen Hang geredet, große Projekte schwungvoll zu beginnen und dann als Torso der Nachwelt zu hinterlassen: den Stephansdom, der statt zweier Türme nur einen erhalten hat, die nicht zu Ende gebaute Hofburg, Schuberts "Unvollendete" oder das Stift Klosterneuburg, das nun als "einer der schönsten Escorials, die Karl VI. nicht gebaut hat" auf uns gekommen ist. Diese feuilletonistischen Einblicke in die vertrackten Winkelzüge des wienerischen Denkens werden ergänzt durch Robert Löbls Farbphotos, die sich nicht auf den monumentalen Prunk der Barockstadt beschränken, sondern die Intimität der Stadt einfangen. (Süddeutscher Verlag, München; 50 S., 32 Farbtafeln, 12,80 DM.)