Von Hans Peter Bull

Ein Philosoph tut gut daran, mit Gedanken über die "Fragwürdigkeit der Philosophie in unserer Zeit" zu beginnen. Das ist denn auch das erste Thema von:

Hans Ryffel: "Grundprobleme der Rechts- und Staatsphilosophie. Philosophische Anthropologie des Politischen"; Hermann Luchterhand Verlag GmbH, Neuwied und Berlin 1969; 544 S., br. 34,– DM, Ln. 48,– DM.

Der in Speyer lebende Schweizer Rechts- und Sozialphilosoph lehnt jede "metaphysische Letztdeutung" ausdrücklich ab. "An die Stelle derPhilosophie ist in unserer Gesellschaft faktisch die Wissenschaft getreten." Gleichwohl versucht Ryffel die Rettung der Philosophie, weil in Wahrheit "nur die an der überkommenen Philosophie orientierten Philosopheme" fragwürdig geworden seien, keineswegs aber die Philosophie "als solche" überwunden sei. Seine Neuorientierung weist in drei Richtungen: Verzicht auf Metaphysik, engste Verbindung mit den selbständig gewordenen Wissenschaften und doch "radikale Selbstbesinnung der Praxis". In der Tat: Auch eine Gesellschaft, die das Heil zunehmend von empirischen Erkenntnissen erwartet, der die Sozologie und die Politologie "moderner" erscheinen als die Philosophie, kann auf diese Besinnung nicht verzichten.

Leitthema des ganzen Buches ist die Frage nach dem "Richtigen". Mit dem Blick darauf wird zunächst das "Wesen" von Staat, Recht und Politik behandelt, das seinerseits aus dem Wesen des Menschen hergeleitet wird. Wer hier schon stockt, weil ihm die Frage nach dem "Wesen" als von vornherein unbeantwortet oder unergiebig erscheint, sei zum Weiterlesen aufgefordert. Ryffel betreibt nämlich keine "Wesensschau", die ganz von subjektiven Faktoren abhängig wäre, sondern zielt auf intersubjektiv begründbare Aussagen, die eine Erklärung zentraler Phänomene des sozialen Zusammenlebens ermöglichen.

Ryffel sieht den Menschen als "ein Wesen der Möglichkeit", das darauf angelegt ist, "zu schlechthin absoluter Richtigkeit weiterzuschreiten". Aber er macht es sich mit dieser Aussage nicht leicht. Er weist die Unmöglichkeit von absolut Richtigem nach und setzt sich mit dem "Ausweg des Relativismus und dessen Selbstauflösüng" auseinander. Seine eigene Meinung bezeichnet er als "diesseits und jenseits absolutistischer und relativistischer Positionen". Auf der Tatsache, daß "trotz des ausgeprägten Pluralismus" von Richtigem die unvermeidlich entstehenden Konflikte in erstaunlichem Ausmaß immer wieder überwunden werden, daß "andauernd Anpassungen stattfinden und "Kompromisse eingegangen" werden, schließt Ryffel, daß es noch ein "Gemeinsames" gibt, auf das hin die Richtigkeit der jeweiligen Stellungnahme modifiziert wird, das also "als ein Richtigeres vorgezogen wird".

Bei der Erarbeitung der Kriterien des Richtigen knüpft Ryffel an die in der neuen und neuesten Zeit anerkannten Überzeugungen an: Selbstverwirklichung des einzelnen, Menschenwürde und Menschenrechte, Toleranz. "Die freiheitlich demokratischen Ordnungen, die jedem einzelnen gleiche menschliche Entfaltung einräumen, und die wissenschaftlich-technisch-industrielle Zivilisation" gehören für Ryffel aufs engste zusammen: "Sie machen die Grundzüge der moderen Gesellschaft und Kultur aus."

Die Grundeinstellung des Autors – jene vom Menschen ausgehende, jeder Staatsvergötterung fernstehende Betrachtung sozialer Realität unter vielfältigen Fragestellungen – bestimmt auch den Charakter seiner Bemerkungen zu den Grundzügen der rechtlich-staatlichen Ordnung. Man mag auch hier zu Einzelaussagen durchaus unterschiedlicher Meinung sein, aber stets fordern die Ansichten des Autors zu ernsthafter Auseinandersetzung heraus. Dies ist keines der üblichen "Lehrbücher", aber ein sehr lehrreiches Buch.