ARD, Sonntag, 26. September: "Der Mann aus London", ein Fernsehfilm von Ilka und Heinz Schirk nach dem Roman von Georges Simenon

Wenn man sich erst einmal von dem Gedanken befreit hatte, Krimi-Dynamik müsse sich vorwiegend aus der Handlung entwickeln oder auch aus den geheimnisvollen Logiken, die durch Kommissarsköpfe geistern, dann war dieser Sonntagabendkrimi voller Spannung und Anregung zu Reflexion. Außer dem Handlungsgerüst, das nicht mehr ganz zu den Novitäten gehörte (armer, bisher unbescholtener Bürger wird Zeuge eines Verbrechens und gerät in Versuchung, selber zum Verbrecher zu werden), war vieles unerwartet: Verbrechen aus der Perspektive dessen, der nicht frei ist von krimineller Träumerei, aber doch nicht gewissenlos genug, um eine von ihm selber als gesetzwidrig empfundene Haltung durchzustehen. Das heißt eigentlich: Verbrechen aus der Perspektive eines jeden, wenn der Zufall es so fügt.

Maloin, ein Weichensteller, brillant gespielt von dem Franzosen Jean Servais, ist so durchdacht konzipiert, daß in der Retrospektive alles logisch und richtig erscheint, was zunächst verblüfft und irritiert. Die mangelnde Anerkennung im Familienkreise, der Wunsch, mit Geld den Selbstwert zu steigern, erklären hinreichend, daß der herausgefischte Geldkoffer Maloin reizt, seine Beobachtungen bei dem Mord und das Geld zu unterschlagen. Die Intimität, die sich dadurch zwischen Brown, dem Mörder und eigentlichen "Besitzer" des Koffers, und Maloin, beinahe wortlos und ohne akute Gefahr für beide, anbahnt, führt zum Ende der beiden Existenzen. Brown, der Berufsverbrecher (Paul-Albert Krumm), ist wie sein Name: alles oder nichts. Ein stiller Mensch, mitleiderregend, wenn er gejagt und betrogen sich verbirgt, plötzlich tückisch, wenn er den Alten von hinten angreift. Randfiguren sind die anderen: die, denen das Geld rechtmäßig gehört und die ihm verzweifelt nachrennen; der Kommissar und sein Team; Mutter und Tochter Maloin – mitschuldig, ohne zu begreifen, warum.

Die Geschichte hat eine Moral: Maloin war nicht stark genug, ein Verbrechen zu tragen, das ihm nie zur Last gelegt worden wäre (den Kofferdiebstahl), und schwach genug, um für ein Verbrechen zu büßen, das er nicht begangen hat (den Mord an Brown). Ein wenig skrupelloser, ein bißchen brutaler, nur etwas klüger hätte er sein müssen. Statt dessen bleibt er, was seine Frau (die mal was "Besseres" war) ihm vorwirft: ein Versager, ein Träumer im Zwielicht. Seine Umwelt formt ihn bis zuletzt; beim Lokaltermin demonstriert er, was man von ihm erwartet: den brutalen Mord.

Konsequenz bei Handlungen, die vor dem eigenen Gewissen als verbrecherisch erscheinen, ist nicht jedermanns Sache. Ursula Buss