Von Hansjakob Stehle

Rom, Anfang Oktober

Die Kutte macht noch keinen Mönch, sagt ein Sprichwort der Italiener. Aber die gleichen langen Hosen, deretwegen noch vor Jahren jede Frau in der Ewigen Stadt vor der Kirchentür bleiben mußte, wurden in diesem Hitzesommer das Geschäft fliegender Händler just vor dem Petersdom. In diesem Jahre galt der moralische Bann nur den kurzen Hosen und Miniröcken, mit Kennerblick gemessen von vatikanischen Türhütern. Die Geschichte der Kontroll-Nonne ging um die Welt.

"Die ganze Sache wäre zum Lachen, wenn sie nicht so ernst wäre", ärgerte sich die "Katholische Presseagentur", die im Hause des Wiener Kardinals König redigiert wird. Auf andere Weise ernst nahm sie der Vatikan, indem er im Osservatore Romano einen offiziösen Leitartikel dazu schreiben ließ: Gewiß sei das, was sich ziemt, nicht mit Zentimetern zu messen, aber eine Basilika sei keine Bar. "Die Kirche hat die Aufgabe, dem Menschen Muster für sein Verhalten und für sein Gewissen zu bieten; was würde geschehen, wenn selbst ihre von oben kommenden Gebote noch schwiegen, wenn auch die Pfeiler des Göttlichen noch wanken würden? Wenn nichts mehr heilig, fest und erhaben erschiene?"

Der Vorgang ist symptomatisch. Nicht so sehr für das, was man an der Kirche als "konservativ" oder gar "repressiv" abzutun pflegt; nicht bloß für eine päpstliche Kurie, die ihre "innere Sicherheit und Ruhe eingebüßt hat und sich zunehmend defensiv verhält" (Pater Stransky, der General des Paulisten-Ordens). Dahinter erhebt sich die uralte Spannung aller Kirchen- und Religionsgeschichte: zwischen irdischer Form und geistigem Inhalt, zwischen dem Mysterium des Glaubens und den Schwächen seiner Verwalter, zwischen Kult und Lehre, Ideal und Möglichkeit.

"Wieviel einfacher wäre vieles, wenn man allein die Karte des Evangeliums spielen könnte!" Dieser Stoßseufzer Pauls VI. wird aus einem privaten Gespräch berichtet. Sein Vorgänger Johannes XXIII. – ein Christ, aber kein intellektueller – hatte eben das getan und das Wagnis unternommen, durch ein Konzil die innere und äußere Erneuerung der katholischen Weltkirche in Gang zu setzen. Das Unterfangen lief – obwohl es weder Johannes noch sein Nachfolger so wollten, auch nicht die Konzilsväter – auf eine Teildemontage dessen hinaus, was das historisch gewachsene Knochengerüst des "geheimnisvollen Leibes" bildet, jenes Corpus mysticum, als den sich die katholische Kirche versteht.

Dem Aufatmen vieler Theologen und gebildeten Katholiken über diesen Vorgang entsprach jedoch keineswegs die Reaktion der Masse der Gläubigen, die sich nach Meinung des Jesuiten-Kardinals Danielou, des Haustheologen Pauls VI., "gottlob mit einem einfachen Glauben an Christus begnügt". Die Redeflut der von neuen Denkfreiheiten ergriffenen Theologen ging an dieser Mehrheit der Gläubigen ebenso vorbei wie die subtilen Konzilstexte, deren Wirkung nun viele bis dahin unüberwindlichen Berge (und Grenzen) zu versetzen begann.