Wenn ich dat allet aufschreibe...

Von Heinz Ludwig Arnold

Einige haben "dat allet" aufgeschrieben: einzelne, die dort, wo sie arbeiten, nichts weniger als einzelne, die dort vielmehr Rädchen im Getriebe sind: Arbeiter. Arbeiter, die für eine Produktion "malochen", die sie oft gar nicht einmal kennen; denen die Beziehung zum Arbeitsprodukt abgeschnitten ist, weil sie am Fließband im Akkord allenfalls eine Strecke von zehn Metern "bearbeiten"; die, wo die Technisierung zurückgeblieben ist, wo der Unternehmer Technik nicht investieren kann oder mag, als Werkzeug benutzt, als Person frustriert ("entfremdet"), nun als Klassenangehörige ideologisch mobilisiert werden sollen.

Es ist ein Dilemma: In der Übergangsphase zur "totalen" Technisierung und in einer Zeit, die die Persönlichkeitsrechte des Menschen mehr und mehr behauptet, stöhnen die einen über steigende Preise für Dienstleistungen und ersetzt die Masse der Arbeiter die noch nicht erfundenen oder angeschafften Maschinen – das Akkordarbeiterteam funktioniert als Maschine. (Und das ist in einer kommunistischen Industriegesellschaft genauso wie in einer kapitalistischen.) Der Arbeiter ist nur noch Funktion.

Sehr die Frage aber ist, zu welchen Zielen und Zwecken und mit welcher persönlichen Sicherung er funktioniert. Arbeitet er für einen Unternehmer (oder, wie ein ganzer Betrieb des Krupp-Konzerns, gar nur für die Apanage des jungen Herrn Krupp), erarbeitet er den Gewinn für werkseigene Investitionen zur Erleichterung der eigenen Arbeit, arbeitet er für eigene Dividenden? Steht er, den der reine Arbeitsprozeß bereits unter einen ganz erheblichen Druck setzt, auch noch unter persönlichen: politischen, finanziellen, "klimabedingten" Pressionen?

Kaum einer in dieser Gesellschaft ist weniger privilegiert als die große Masse der Arbeiter. Das mag der Grund dafür gewesen sein, daß die Literatur ihn kaum wahrgenommen hat, daß "Arbeitswelt" von ihr nicht thematisiert wurde. Die Gruppe 61 hat da vor zehn Jahren begonnen, das Vorfeld von Vorurteilen zu räumen – mit unterschiedlichem Erfolg. Günter Wallraff, auch Mitglied der Gruppe 61, hat mit seinen Industriereportagen den intensivsten Anfang gemacht. Der "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", zu dessen Begründern Wallraff gehört, hat sich aus der Kritik an der Gruppe 61 heraus mit entschieden politischer Zielsetzung organisiert: Inzwischen existieren nach letzten Verlautbarungen bereits zwanzig örtliche Werkkreise, in denen Arbeiter mit Studenten, Schriftstellern und auch Gewerkschaftern zusammenarbeiten.

Fast zur gleichen Zeit sind nun drei Taschenbücher erschienen, die von drei verschiedenen Werkkreisgruppen ediert wurden –

Werkkreis Arbeitswelt (Tübingen): "Lauter Arbeitgeber – Lohnabhängige sehen ihre Chefs"; R. Piper & Co Verlag, München; 180 S., 6,– DM

Wenn ich dat allet aufschreibe...

Peter Fischer / Günter Hinz / G. H. Lübben / Heinrich Pachl: "Ihr aber tragt das Risiko – Reportagen aus der Arbeitswelt"; rororo 1447, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 124 S., 2,80 DM

"Schrauben haben Rechtsgewinde" – Ein Lesebuch fragender Arbeiter für Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie deren Kinder, zusammengestellt von Thomas Rother, mit einer Gebrauchsanweisung von Günter Wallraff (Texte aus den Literatur-Werkstätten des Ruhrgebiets); L. Schwann-Verlag, Düsseldorf; 96 S., 9,80 DM.

In der Gebrauchsanweisung von Günter Wallraff, die den letztgenannten Band mit einleitet, heißt es: "Die genau beobachtete und registrierte Wirklichkeit ist immer phantastischer und spannender als die kühnste Phantasie eines Schriftstellers ... Nicht gestalten, ,Literatur-machen-Wollen‘, sondern die Vorkommnisse und Zustände für sich sprechen lassen. Hervorragendes Mittel der Dokumentation ist die Montage, die soll über die bloße Wiedergabe von zufälligen Realitätsausschnitten hinausgehen:.. Das Prototypische herausarbeiten – nicht personifizieren. Zeigen, daß es keine Einzelfälle sind, keine so einfach wegzuretuschierenden Mißstände, vielmehr systemimmanente Zustände."

Abgesehen davon, daß es gut wäre zu wissen, welches System Wallraff meint (jenes mangelhafte, das auch die Technik bedingt, oder pauschal jenes, in dem diese Gesellschaft politisch lebt) – abgesehen davon treffen auf Wallraffs Gebrauchsanweisung die wenigsten Texte aller drei Bände zu; ganz und gar nicht die Texte jenes Bandes, in dem Wallraffs Empfehlungen zu lesen sind, in ganz geringem Maße die Texte, in denen Lohnabhängige ihre Chefs sehen, am ehesten noch in jenem Band, der Reportagen aus der Arbeitswelt verheißt. Die meisten der anderen Stücke unterliegen eben dem Zwang, den Wallraff kritisiert: dem des "Literatur-machen-Wollens". Und gerade dies macht sie weithin auf peinliche Weise unlesbar, weil sie sich durch solche klischierende Behandlung auch noch die Chance nehmen, Informationen zu liefern; weil sie dem Zwang unterliegen, Erzählbares herauszugreifen, und so Details zur, allerdings pessimistischen, Anekdote verniedlichen.

Erkenntnis, wie sie der Zynismus provoziert, der aus zwei blanken Zitaten spricht, erreichen die formalisierten, literarisierten Texte nie. Erstes Zitat aus: Dr. Eberhard Puntsch, "Kleiner Knigge für Lehrlinge", Verlag Moderne Industrie, München 1966: "Wir alle in der Firma, vom ältesten bis zum jüngsten Mitarbeiter, vom Chef bis zum Lehrling, bilden eine Mannschaft. Es kann nicht einer gewinnen und ein anderer verlieren, sondern wir alle gewinnen oder wir alle verlieren. Wie beim Fußballspielen auch. Sieh daher in allen Mitarbeitern deiner Firma den Mannschaftskameraden! Nimm kleine Meinungsverschiedenheiten nicht tragischer, als du sie bei deinen Kameraden im Sportverein nimmst!"

Zweites Zitat: Heinz Hartmann, "Der deutsche Unternehmer – Autorität und Organisation", Frankfurt: "Der Begriff der Betriebsfamilie’, den wir hier hochhalten, hat seine negativen und seine positiven Aspekte. Zu den negativen gehört, daß die Leute sich hier versorgt fühlen und über 25 Jahre in ein und demselben Betrieb bleiben. Ich möchte aber, daß man mehr die positiven Aspekte betont: Daß nämlich das Gefühl der Zusammengehörigkeit sich anschließt im wesentlichen an die Herstellung eines Produktes und vor allem einer bestimmten Qualität."

Diese beiden Zitate benötigen keine erzählerische Gestaltung; bringt man ihren Tatbestand in eine Geschichte ein – mag sie auch erlebt sein –, dann annulliert man ihren Erkenntniswert; denn erzählerische Gestaltung fordert Differenzierung der Figuren und ihrer Handlungen, applaniert also den schieren Zynismus. Das ist bei den meisten Texten der Fall. Und das haben die "Erzähler" der – im Grunde ja wahren – Geschichten und Tatbestände bewußt oder unbewußt gespürt; denn sie gleichen den Verlust an Erkenntnis aus mit einer sehr oft übersteigerten Schwarzweißmalerei, die sie selber vor dem Leser ins Unrecht setzt.

Wenn ich dat allet aufschreibe...

Das Dilemma des Arbeiters in dieser Gesellschaft überträgt sich auf solche Produktionen. Kaum weiß man ja, was die "Werkstätten Arbeitswelt" tatsächlich wollen: Literatur, die den Bürger und den Arbeiter aufklärt, oder Aufklärung des Arbeiters über seine Lage, die er im Niederschreiben dessen, was an seinem Arbeitsplatz geschieht, gewinnt? Beides ist sinnvoll, wenn auch die zweite Absicht nur sehr beschränkt wirksam sein dürfte; erste (auch publizistische) Erfolge sollten die Werkkreistätigen darüber nicht hinwegtäuschen.

Die wenigen Texte in diesen drei Bändchen, die sich, selbst wenn sie noch dialogisch arbeiten, auf die Wiedergabe von Faktischem beschränken, leisten jedenfalls mehr an Aufklärung als die Erzähltexte.