Peter Fischer / Günter Hinz / G. H. Lübben / Heinrich Pachl: "Ihr aber tragt das Risiko – Reportagen aus der Arbeitswelt"; rororo 1447, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 124 S., 2,80 DM

"Schrauben haben Rechtsgewinde" – Ein Lesebuch fragender Arbeiter für Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie deren Kinder, zusammengestellt von Thomas Rother, mit einer Gebrauchsanweisung von Günter Wallraff (Texte aus den Literatur-Werkstätten des Ruhrgebiets); L. Schwann-Verlag, Düsseldorf; 96 S., 9,80 DM.

In der Gebrauchsanweisung von Günter Wallraff, die den letztgenannten Band mit einleitet, heißt es: "Die genau beobachtete und registrierte Wirklichkeit ist immer phantastischer und spannender als die kühnste Phantasie eines Schriftstellers ... Nicht gestalten, ,Literatur-machen-Wollen‘, sondern die Vorkommnisse und Zustände für sich sprechen lassen. Hervorragendes Mittel der Dokumentation ist die Montage, die soll über die bloße Wiedergabe von zufälligen Realitätsausschnitten hinausgehen:.. Das Prototypische herausarbeiten – nicht personifizieren. Zeigen, daß es keine Einzelfälle sind, keine so einfach wegzuretuschierenden Mißstände, vielmehr systemimmanente Zustände."

Abgesehen davon, daß es gut wäre zu wissen, welches System Wallraff meint (jenes mangelhafte, das auch die Technik bedingt, oder pauschal jenes, in dem diese Gesellschaft politisch lebt) – abgesehen davon treffen auf Wallraffs Gebrauchsanweisung die wenigsten Texte aller drei Bände zu; ganz und gar nicht die Texte jenes Bandes, in dem Wallraffs Empfehlungen zu lesen sind, in ganz geringem Maße die Texte, in denen Lohnabhängige ihre Chefs sehen, am ehesten noch in jenem Band, der Reportagen aus der Arbeitswelt verheißt. Die meisten der anderen Stücke unterliegen eben dem Zwang, den Wallraff kritisiert: dem des "Literatur-machen-Wollens". Und gerade dies macht sie weithin auf peinliche Weise unlesbar, weil sie sich durch solche klischierende Behandlung auch noch die Chance nehmen, Informationen zu liefern; weil sie dem Zwang unterliegen, Erzählbares herauszugreifen, und so Details zur, allerdings pessimistischen, Anekdote verniedlichen.

Erkenntnis, wie sie der Zynismus provoziert, der aus zwei blanken Zitaten spricht, erreichen die formalisierten, literarisierten Texte nie. Erstes Zitat aus: Dr. Eberhard Puntsch, "Kleiner Knigge für Lehrlinge", Verlag Moderne Industrie, München 1966: "Wir alle in der Firma, vom ältesten bis zum jüngsten Mitarbeiter, vom Chef bis zum Lehrling, bilden eine Mannschaft. Es kann nicht einer gewinnen und ein anderer verlieren, sondern wir alle gewinnen oder wir alle verlieren. Wie beim Fußballspielen auch. Sieh daher in allen Mitarbeitern deiner Firma den Mannschaftskameraden! Nimm kleine Meinungsverschiedenheiten nicht tragischer, als du sie bei deinen Kameraden im Sportverein nimmst!"

Zweites Zitat: Heinz Hartmann, "Der deutsche Unternehmer – Autorität und Organisation", Frankfurt: "Der Begriff der Betriebsfamilie’, den wir hier hochhalten, hat seine negativen und seine positiven Aspekte. Zu den negativen gehört, daß die Leute sich hier versorgt fühlen und über 25 Jahre in ein und demselben Betrieb bleiben. Ich möchte aber, daß man mehr die positiven Aspekte betont: Daß nämlich das Gefühl der Zusammengehörigkeit sich anschließt im wesentlichen an die Herstellung eines Produktes und vor allem einer bestimmten Qualität."

Diese beiden Zitate benötigen keine erzählerische Gestaltung; bringt man ihren Tatbestand in eine Geschichte ein – mag sie auch erlebt sein –, dann annulliert man ihren Erkenntniswert; denn erzählerische Gestaltung fordert Differenzierung der Figuren und ihrer Handlungen, applaniert also den schieren Zynismus. Das ist bei den meisten Texten der Fall. Und das haben die "Erzähler" der – im Grunde ja wahren – Geschichten und Tatbestände bewußt oder unbewußt gespürt; denn sie gleichen den Verlust an Erkenntnis aus mit einer sehr oft übersteigerten Schwarzweißmalerei, die sie selber vor dem Leser ins Unrecht setzt.