Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im September

Nur wenige Tage vor der Saarbrücker Entscheidungsschlacht um den CDU-Vorsitz könnte man glauben, daß es dabei weniger auf die Feldherren selbst als auf ihre Generale ankomme. Zwar ließ sich absehen, daß Richard von Weizsäcker nicht auf die Idee eingehen werde, einem Parteivorsitzenden Barzel als neuer Generalsekretär zur Seite zu stehen. Im Lager Helmut Kohls herrscht nun verhaltene Genugtuung; die Anhänger Barzels bemühen sich, den Fall zu bagatellisieren. Weizsäcker selbst ist es unangenehm, daß er Schlagzeilen gemacht hat; er möchte nicht, daß seine Entscheidung für oder gegen Barzel oder Kohl gewertet wird.

Aus der Präsentation eines "erstklassigen Mannes", mit der Barzel alle Zweifel widerlegen wollte, daß durch die von ihm erstrebte dreifache Würde und Bürde des Kanzlerkandidaten, des CDU-Chefs und des Fraktions-Vorsitzenden die Partei zwangsläufig zu kurz kommen müsse, ist nichts geworden. Zwar würde auch Barzels neuer Favorit Konrad Kraske, bis 1969 lange Jahre Bundesgeschäftsführer der CDU, auf seine Weise ein erstklassiger Mann sein. Aber ein Aushängeschild wie Weizsäcker, der auch in den Reihen der sozialliberalen Koalition hohes Ansehen genießt, wäre er nicht. Ebenso wenig kann er sich mit der Reputation messen, die Kohls Kandidat besitzt, der amtierende Generalsekretär Bruno Heck. Auf der Zielgeraden nach Saarbrücken ist Barzel ein Zwischenspurt mißglückt.

Daß die Generalsekretärs-Frage eine solche Bedeutung erlangt hat, ist eine Folge der Debatte über die Vereinigung oder Trennung der wichtigsten Funktionen in der Partei. Mit einigem Recht halten viele dafür, daß die Diskussion über Ämter-Vereinigung oder -Trennung entweder überhaupt nicht oder jedenfalls nicht so lebhaft entbrannt wäre, wenn die Union über einen Mann verfügte, dem sie selbst und dem man auch außerhalb der Partei die Fähigkeit zutraute, Willy Brandt 1973 zu schlagen.

Die Diskussion über die künftige Struktur der Führungsspitze erklärt sich indes nicht nur aus dem Mangel an einem überzeugenden Kanzlerkandidaten. Sie hat ihren eigenen Stellenwert. Staunend hat die CDU schon 1967/68 bei der Vorbereitung ihres Berliner Programms und dann 1970/71 bei der Neufassung dieses Programms an sich selbst erfahren, welche Integrationskraft von der breiten Erörterung jener Entwürfe in allen Etagen der Partei ausging. Damals begann ein Emanzipationsprozeß, der noch längst nicht abgeschlossen ist. War die Partei früher ein Anhängsel des Kanzlers, so steht sie heute, unter den Bedingungen der Opposition, im Schatten ihrer Bundestagsfraktion. Das Konglomerat aus Landesverbänden und -vereinigungen ist noch kaum fester gefügt, die Arbeit der Orts- und Kreisverbände muß besser aufeinander abgestimm: werden, der Informationsfluß innerhalb der Partei läßt noch immer zu wünschen übrig, und nicht zuletzt drücken die großen finanziellen Sorgen.

Doch gerade diese Kalamitäten und das Dasein im Schatten der Fraktion beflügeln die Bemühungen – besonders der jüngeren CDU-Mitglieder –, der Partei endlich zu eigenem Recht und Gewicht zu verhelfen. Immerhin ist dieser Prozeß schon so weit gediehen, daß die Partei sich nicht mehr ohne weiteres damit abfinden mag, weiterhin einem einzigen Mann als Machtinstrument zu dienen. Ebensowenig können ihre Landesfürsten noch wie absolutistische Herrscher regieren. Jene Zeiten, in denen das Votum einiger Männer der Führungsgarnitur genügte, um die Partei auf Vordermann zu bringen, sind vorbei.