Von Adolf Holl

Nein, ich glaube jetzt nicht mehr, daß Chirles Manson Jesus Christus ist", erklärte der Angeklagte Charles Watson vor seinem Untersuchungsrichter. Charles Watson wird des mehrfachen Mordes bezichtigt. Er schilderte im Detail seine Messerstiche in den Körper eines Gefesselten, und er legte Wert auf die Feststellung, daß er damals unter dem Bann Mansons gestanden habe, als er einen Menschen tötete. Damals, als Sharon Tate hat sterben müssen, glaubte er noch, daß Manson Jesus Christus ist.

Die theologische Entwicklung Watsons ist technisch gesprochen durch eine Parusieverzögerung gekennzeichnet: "Viele werden fälschlich als Messias auftreten in meinem Namen." Die Parusie: Kommen wird der Menschensohn auf den Wolken des Himmels. So haben es die ersten Christen einige Jahrzehnte lang geglaubt, mit Spannung aufs nahe Ende der Welt, und in der Apokalypse ist ihr Gebet stehen geblieben: Komm bald, Jesus!

Ein gewisses Mißtrauen schien jedoch schon damals am Platz angesichts diverser Messias-Prätendenten: Man muß prüfen, man muß vorsichtig sein; "viele werden auftreten in meinem Namen", wie bei Matthäus geschrieben. Und die Zeit vergeht, kein Menschensohn erscheint auf den Wolken des Himmels, die Welt dreht sich weiter. Die theologische Fachsprache drückt dies durch jenen terminus technicus der Parusieverzögerung aus, wobei im Fall des Watson eine gewisse Ernüchterung registriert werden kann, vielleicht auch eine traurige Verstimmung. Vorbei sind die Zeiten mit Manson, er war es nicht, wir müssen auf einen anderen warten.

Man wird sich angesichts der Theologie Watsons nicht ganz des Entsetzens erwehren können, immerhin hat er zugestochen im Namen und im Auftrag seines Jesus in Gestalt jenes Charles Manson. Es handelt sich hierbei um eine durchaus praktische Theologie von höchster Erbarmungslosigkeit, dieser Messias macht kurzen Prozeß, er sendet seine Würgeengel aus, zu sordern die Guten von den Bösen. Watson ist ein Würgeengel gewesen, jetzt steht er vor dem Richter, ist zur Einsicht gekommen, glaubt nicht mehr, daß Manson Jesus Christus ist.

Die gefährliche Irrationalität der Maison-Gruppe ist nicht im Zillertal gediehen, sondern in Kalifornien, in den USA. Wo im Durchschnitt von zwei Ehen eine geschieden wird, wo die Zukunft schon begonnen hat, die Zukunft des Zillertals sozusagen. Im Vergleich zu Kalifornien ist das Zillertal ungemein rückständig, man vergleiche die je-Kopf-Einkommen in beiden Gegenden. Man wird in der Annahme kaum fehlgehen, daß derzeit im Zillertal kein Manson heranwächst, im Zillertal kultiviert man eine andere Theologie.

Womit ich lediglich angedeutet haben will daß Theologien durchaus in Zusammenhang stehen mit der jeweiligen Flora und Fauna, insbesondere letzterer und inklusive der menschlichen.