Eigentlich war die Pressekonferenz mit Bundeskanzler Willy Brandt ein Reinfall. Denn die aus dem Bundesgebiet gekommenen Schülerzeitungsredakteure (siebzig, nach einem uns geheimen System ausgewählt) wußten bis zu dem Beginn der Konferenz nicht, über welches Thema gesprochen werden sollte. Freiherr von Wechmar, Leiter der Tagung, daraufhin befragt, antwortete ausweichend: "Der Bundeskanzler wird ein Fünfminuten-,Statement’ zu allgemeinen Dingen halten, dazu können Sie dann Fragen stellen."

Eine halbe Stunde vor der Schülerpressekonferenz erfuhren wir von Pressesprecher Ahlers, daß uns die "echten Journalisten" ("FAZ") und das Fernsehen von beiden äußeren Sitzreihen beobachten werden. Wir siebzig Schülerzeitungsredakteure durften uns in die mittlere Reihe zwängen, ohne Rücksicht darauf, daß es vielleicht ein Erlebnis für die weiteren zwei Drittel der Schülerredakteure (die nicht in den ersten Reihen saßen) sein könnte, den Kanzler aus nächster Nähe zu erleben (...und ich hatte mein Opernglas vergessen).

Es war eben eine Pressekonferenz vor der Presse: In der Mitte – wie im Zirkus – fernseh- und fotogerecht die Schülerredakteure. So deutete dann auch Pressesprecher Ahlers vorher an, daß es sich nicht schicke, den Herrn Bundeskanzler während der Konferenz zu photographieren: man könnte ja der Tagesschaukamera vor die Linse laufen.

Sowenig, wie der Rahmen der Konferenz auf die Interessen der Schülerredakteure ausgerichtet war, sowenig konnte das Thema der Konferenz die Schülerzeitungen interessieren: die Reise Brandts in die Sowjetunion. Diese Neuigkeit war gerade am Mittag bekanntgeworden, und Ahlers zwinkerte uns zu: ".... aber dazu können Sie ja den Bundeskanzler persönlich fragen." Daß dieses Thema wieder inaktuell sein werde, wenn die nächsten Schülerzeitungen in zirka ein, zwei Monaten erscheinen werden, interessierte auch den Diskussionsleiter der Konferenz, Reinhard Appel ("Süddeutsche Zeitung" und Diskussionsleiter bei "Journalisten fragen, Politiker antworten"), nicht: er wiederholte die Neuigkeit "und hoffte" wie die "echten Journalisten", "daß die ‚kleinen‘ die richtigen Fragen stellen würden" ("FAZ").

Daß wir Schülerzeitungsredakteure es dann auch neunzig Minuten lang "richtig machten", ist nur zu verständlich: beobachtet von über hundem Journalisten, vier Fernsehkameras und einer Anzahl Photoreporter, belauscht von großen Mikrophonen der Fernsehanstalten und mit der Angst, vor diesem Publikum auch eine "intelligente" Frage stellen zu müssen, folgten wir den beiden unauffälligen Hinweisen, den Kanzler über die Sowjetreise zu interviewen.

Daß der Bundeskanzler am Ende der Konferenz erkannte (und bedauerte), daß er eigentlich zuwenig über unsere Probleme erfahren habe, ist lobenswert. Wenn also, wie versprochen, "in zwangloser Folge" derartige Konferenzen – auch mit anderen Ministern – folgen sollen, dann sollte man diese Konferenzen von vornherein so gestalten, daß sie auf die Interessen der Schülerzeitungen ausgerichtet sind. Man sollte zum Beispiel den Redakteuren mit der Einladung auch das Thema der Konferenz mitteilen (oder sie danach fragen) und ihnen eine Stunde lang vor der Konferenz die Möglichkeit geben, sich untereinander über das "Wie" und "Was" zu unterhalten. Ferner sollte die übrige Presse nicht teilnehmen, um der Konferenz den Anstrich einer Schülerpressekonferenz zu geben, in der die Schülerredakteure nicht für Wahlpropaganda herhalten müssen, wie es hier der Fall zu sein schien. (Diese Konferenz. wurde mindestens von der "Tagesschau", von der "Drehscheibe", von der "FAZ" und vom Bonner "General Anzeiger" auszugsweise veröffentlicht beziehungsweise kommentiert.)

Abschließend noch ein Lob an Frau Hamm-Brücher (FDP), die sich dann bereit erklärte, mit uns über die zu kurz gekommene Schulpolitik zu diskutieren. Diese Form der Diskussion (zwanglos, ohne Presse, im kleineren Kreise, mit mehr Zeit) halte ich für wiederholenswert!

Thomas Schaefer, 18 Jahre