Von Harold C. Schernberg

Der große Palast am Potomac wurde mit Leonard Bernsteins "Mass" (Messe) offiziell eröffnet. Die Natur dieser Musik wird das Kennedy Center noch in einer weiteren Hinsicht umstritten machen. Der Streit begann sogar schon mit den ersten öffentlichen Proben.

Es gab jene, die die "Messe" ohne Federlesen als vulgären Schund abtaten und höhnisch meinten, sie entspreche genau dem Gebäude. Dann gab es jene, denen die Behandlung der katholischen Liturgie Kummer machte, besonders der Augenblick, da das Kreuz vernichtet wird. Es gab auch jene, die meinten, Bernstein habe seinen Finger genau auf die heutige Wunde der Kirche gelegt, und die "Messe" sei ein relevanter Kommentar zu religiösen Problemen. Und schließlich gab es besonders unter dem jugendlichen Publikum jene, die kreischten und applaudierten und jubelten und sagten, das sei die dufteste Sache, die sie je gehört hätten.

Der Text von Bernsteins "Messe" folgt der katholischen Liturgie vom "Kyrie" bis zum "Agnus Dei", doch das ist nur der Rahmen. Bernstein und Stephen Schwartz haben zusätzliche Texte beigesteuert. In einigen der orthodoxen Teile der "Messe" hat Bernstein stilisierte, kirchengesangsartige Partien verwendet, nicht unähnlich denen in Strawinskys "Psalmensinfonie". Im übrigen ist die Messe eine wüste Mischung aus allem. Man hört Rock, Broadway-Schlager mit Anklängen an "West Side Story" und "Francy Free", Raga-Musik, die Beatles, Balladen, Aaron Copland, Choräle, das Gesinge religiöser Erweckungs Versammlungen, Hymnen und Militärkapellen.

Das Werk setzt ein gewaltiges Aufgebot ein, mehr als zweihundert Mitwirkende alles in allem, und die Liste der Verantwortlichen liest sich wie ein Ehrenverzeichnis des Showbusiness: Bühnenbild Oliver Smith; Choreographie Alvin Ailey; Kostüme Frank Thompson; Beleuchtung Gilbert Hemsley jr.; Produzent Roger L. Stevens. Dirigiert hat der talentierte Maurice Peress, den Leonard Bernstein vor etwa zehn Jahren zum Hilfsdirigenten der New Yorker Philharmoniker gemacht hatte und der zur Zeit Dirigent zweier texanischer Sinfonieorchester ist.

In dieser "Messe", die ihr Komponist als ein Theaterstück für Sänger, Tänzer und Schauspieler bezeichnet, gibt es einen Handlungsfaden und ein Sortiment von Prämissen. Der Priester-Zelebrant, eine Christusfigur, kommt aus der Jugend und kehrt schließlich zur Jugend zurück. Er hat orthodoxe Religiosität symbolisiert, aber sie hat nicht mehr funktioniert.

Die orthodoxe Religiosität, so impliziert der Text von Bernsteins "Messe", hat dem Massaker in Vietnam kein Ende gemacht, noch hat sie die pazifistischen Bestrebungen der Brüder Berrigan unterstützt. Das "Dona Nobis Pacem" der "Messe" ist eine kraftvolle Verurteilung des Krieges. An diesem Punkt wird der Zelebrant wahnsinnig. Er zerbricht das Kreuz, plündert den Altar, reißt sich seine Gewänder vom Leib.