Vor 25 Jahren verurteilte ein amerikanisches Militärgericht in Manila den japanischen General Yamashita zum Tode, weil seine Truppen auf den Philippinen wehrlose Menschen niedergemetzelt hatten. Er wurde für schuldig befunden, obwohl zum Zeitpunkt der Kriegsverbrechen gar keine Verbindung zwischen ihm und seinen Soldaten bestanden hatte.

Letzte Woche sprach ein amerikanisches Militärgericht in Fort McPherson den US-Hauptmann Medina von der Mordanklage frei. Er war beschuldigt worden, weil seine Kompanie im Dorf Song My (My Lai) wehrlose Menschen niedergemetzelt hatte. Doch glaubten ihm die Richter, daß er, trotz Funkkontaktes mit seinen Soldaten, erst nach vier Stunden von dem Kriegsverbrechen erfahren habe.

Zweierlei Maß also. Nur der kleine, tumbe Leutnant Calley soll ins Gefängnis. An höhere Chargen trauten sich die Richter gar nicht erst heran. Der wahre Verantwortliche für My Lai, die Führung der US-Army, ging ungeschoren aus der Affäre hervor, getragen vom verzeihenden Wohlwollen des Präsidenten und einer schweigenden Mehrheit des Volkes. Kj.