Der Autor des folgenden Artikels ist ein gebranntes Kind: Er hat soeben als Regisseur eine dreizehnteilige Serie für das ARD-Vorprogramm hergestellt.

Weiße Schrift im roten Punkt. "Neue Serie." Jede Woche von Montag bis Freitag zwischen 18 und 20 Uhr auf beiden Kanälen "Neue Serie". 259 Tage innerhalb eines Jahres. Was ist nun neu an diesen Serien, ausgedruckt in allen Programmzeitschriften? Das ständig sich wiederholende – 13, 26 oder 52 Folgen einer Geschichte, deren Grundkonstruktion immer die gleiche ist, nur Hintergründe und Abenteuer wechseln, oder die Geschichte selbst?

"Neue Serie." Geschichten aus dem Alltag, Polizeifunk ruft, Toni und Veronika, Hafenkrankenhaus, Stewardessen, Luftsprünge, Drüben bei Lehmanns, Landarzt Dr. Brock, Alarm in den Bergen und so weiter, der Wirklichkeit entnommen, konfektioniert und in farbigen fünfundzwanzig Minuten geschmäcklerisch serviert. Erlebnisse eines Skilehrers, einer Stewardeß mit renitentem Fluggast, Kinderentführung – nach vierundzwanzigeinhalb aufregenden Minuten wird der Täter gestellt, bekennt – und dann die glücklichen Eltern, Polizei dein Freund und Helfer, Familien- und Rechtsanwaltanekdoten.

Oder? Omer Pascha, Westlich von Santa Fé, Kurier der Kaiserin, Graf Luckner, einen kurzen Blick in die Geschichte, die nun erneut zur Geschichte wird. Wohldosiert wird hier Realität – da Geschichte geboten, die Typologie läßt sich spätestens auf den zweiten Blick hin ablesen, die Verhaltensweisen der Akteure gleichen dem Wunschdenken der Zuschauer, Symbole werden geboren und bestätigt, bekräftigen die eigenen Urteile, die längst zu Vorurteilen geworden sind. Unterhaltung um jeden Preis, mit dem Ziel, die häusliche Idylle nach Feierabend nicht aufzuschrecken oder gar zu verärgern.

Aber warum nicht Unterhaltung? Warum nicht Amüsement? Warum nicht zum Beispiel einmal Unterhaltung, die sichtbar macht, daß es sich um Unterhaltung handelt, die die vorgefertigten Schablonen verläßt, die Sachverhalte und Milieus von den Ursachen her aufrollt, die informierend wirkt? Warum die Argumentation, das bleibe dem Fernsehspiel innerhalb des Abendprogramms nach 20 Uhr vorbehalten? Bilder und Töne, ob Abendprogramm oder nicht, ergeben Handlungsweisen, werden für den Betrachter zur Wirklichkeit. Die Zeit spielt dabei keine Rolle. Wird hier mit zweierlei Maßstab gemessen, verstehen wir das unter dem Begriff "Neue Serie"?

Was verbirgt sich hinter dieser Anonymität innerhalb des Fernsehens? Unternehmen, Geschäftsleute, Redaktionen, Psychologen, Autoren, Marketing-Direktoren, Produzenten, Produktverwalter, Regisseure, Akteure und Darsteller, liegt hier der Unterschied zwischen "Neuer" und "Alter" Serie?

Was ist neu? Daß es neben der öffentlichrechtlichen Institution Fernsehen das Werbefernsehen gibt, die diese Neuen Serien produzieren? Daß das Unternehmen X beim Sender Y Sendezeit kauft, um seine Werbeblocks zeigen zu können? Daß mit diesem Ertrag neue Serien finanziert werden? Daß der Finanzier ein starkes Interesse daran hat, daß sein Produkt, ob OMO, VW, RAMA, 4711, ASTRA, OPAL oder STUYVESANT von einem möglichst großen Zuschauerkreis gesehen werden soll? Daß die Forderung lautet "Neue Serie"?