"Arbeiterkontrolle, Arbeiterräte, Arbeiterselbstverwaltung. – Eine Anthologie"; hrsg. von Ernest Mandel; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1971; 467 S., 29,– DM

Der marxistische Theoretiker Ernest Mandel, bedeutender europäischer Trotzkist, zur Zeit Lehrbeauftrager an der holländischen Universität Leyden, legt mit einem ausführlichen Vorwort eine Sammlung von Äußerungen und Dokumenten zu dem alten und strittigsten Fragenkomplex der sozialistischen Arbeiterbewegung vor: von wem und in welcher Form die Herrschaft des privaten Industriekapitals im Falle revolutionärer Krisen abzulösen sei. Mandel, der den doktrinären, schwierigen Stil des orthodoxen marxistischen Ökonomen schreibt, ist übrigens vor einigen Wochen die Einreise in die Schweiz verweigert worden, wohin er von einer studentischen Organisation zu einem Vortrag eingeladen war. Die Schweiz läßt ihr politisches und wirtschaftliches System ungern von Fremden anzweifeln, während sie den Despoten mittel- und südamerikanischer Kleinstaaten samt ihren Sippen und ihrem Millionenraub am Volksvermögen eine sozusagen "systemimmanente" Duldung gewährt.

Der Titel der Sammlung und Mandels Vorwort machen zuerst eine Begriffsbestimmung nötig: Unter "Arbeiterkontrolle" ist nicht das zu verstehen, was das deutsche Wort Kontrolle ursprünglich im deutschen Sprachbereich bedeutet: nicht Rechenschaftslegung und Verantwortung, sondern Ausübung der Herrschaft selbst. Im Falle der "Arbeiterkontrolle", die eine revolutionäre "Übergangsforderung" ist, heißt dies: die Übertragung der Macht an gewählte Arbeiterräte, und zwar nicht auf der Basis des einzelnen Betriebs, sondern territorial und regional die ganze Produktion erfassend. Abgelehnt wird die Verantwortlichkeit irgend jemand gegenüber und "jegliche Institutionalisierung", speziell die gewerkschaftliche oder betriebliche Mitbestimmung, die einer Integrierung in das kapitalistische System gleichkomme.

Den Standpunkt (und Stil) des Verfassers macht etwa folgender Satz deutlich: "Es handelt sich dabei nicht um eine dogmatische, durch gefühlsmäßige, irrationale Axiome bestimmte Position. Es ist dies, aus der Sicht des Klassenkampfs, vielmehr eine logische Schlußfolgerung auf der Basis einer Analyse der grundlegenden Entwicklungstendenzen des zeitgenössischen Kapitalismus selbst."

Mandel grenzt sich scharf gegen das stalinistische und das jugoslawische System ab. Im Rußland Stalins ist die Arbeiterkontrolle durch die Staats- und Parteimacht beseitigt; die Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien, die sich nur auf den Betrieb erstreckt, widerspreche der politischen Struktur des Landes im allgemeinen und lasse den Wettbewerb der Marktwirtschaft bestehen. Mandel spricht von den "heuchlerischen Verteidigern der jugoslawischen Lehre"; auch sonst verwendet er öfters ähnlich primitiv-abwertende und moralisierende Ausdrücke für andere Meinungen und Interessen, zum Beispiel "schamlos", "kindisch". Vielleicht hat er es gar nicht so schlimm gemeint, sich nur an eine bei altgläubigen Marxisten herkömmliche Tonart gewöhnt und angepaßt.

Auf den Begriff und die Rolle der Avantgarde möchte Mandel aber trotz dem, was in der Sowjetunion daraus geworden ist, nicht verzichten. Daß sich unter ihr "arme revolutionäre Bauern" befinden werden, ist wohl auch eine übernommene Formel, die der heutigen Realität genauso widerspricht wie an anderer Stelle die Behauptung, daß sich "die innere Homogenität" der Lohn- und Gehaltsempfänger und ihr Zusammenhalt (nämlich im Sinne des Klassenbewußtseins) erhöht und nicht vermindert habe. Von den Massen der Fremdarbeiter in den Ländern des kapitalistischen Westens ist dabei nicht die Rede.

Dies zu Mandels Vorwort. Die vielen Texte, die er zusammenstellt – Entwürfe, Reden, Proklamationen, Protokolle, Berichte über die Bildung und Tätigkeit von Arbeiterräten bei revolutionären Vorgängen, bei Generalstreiks und Fabrikbesetzungen – beginnen mit einer Ansprache von Karl Marx im März 1850. Vieles stammt aus der russischen Revolution von 1917. Ein Leninscher "Entwurf der Bestimmungen über die Arbeiterkontrolle" ist leider nicht datiert. Ein großartiges Dokument sind die Seiten aus Rosa Luxemburgs Schrift von 1918 über die russische Revolution; es ist vielleicht das beste, was in diesem Jahrhundert über die politische Freiheit gesagt wurde.